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Die Medien nehmen in der aktuellen globalen gesellschaftlichen Entwicklung der Welt vielfältige Rollen ein. Zum einen stehen die Informations- und Unterhaltungsstrukturen sowie die Bereitstellung von Partizipationsmöglichkeiten und der Ausbau einer dynamischen demokratischen Öffentlichkeit im Vordergrund. Zum anderen präsentiert sich der Bereich der Medien, gerade auch durch den Entwicklungsschub in den Informationstechnologien, der Alltagsintegration von Computer und Internet, als ein äußerst innovationsstarkes, sich schnell ausdifferenzierendes Berufsfeld.
Chinesische Medien haben ihre Wurzeln in einer Vielzahl von neuzeitlichen Zeitungen, die mit der Zielsetzungen einer Missionierung von Westen ausgehend gegründet wurden (vgl. HUANG, 2001). Die Zeitung, die mit dem Namen “Chashisu Meiyue Tongjizhuan“ (in Deutsch: Die monatliche Aufzeichnung über die Untersuchung der allgemeinen Sitten und Gebräuche) im Jahr 1815 von dem britischen Missionar gegründet wurde, war die erste Zeitung in der neuzeitlichen Geschichte Chinas und der Ausgangspunkt der historischen Entwicklung chinesischer Zeitungen Nach dem Opiumkrieg (1842) hatten sich die ausländischen Aktivitäten zur Gründung von Zeitungen voll entwickelt. Zuerst waren die Zeitungen in Hongkong entstanden, anschließend in Shanghai (vgl. HUANG, 2001).
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Ende der 90er Jahre des 19.Jahrhunderts, vor dem chinesisch-japanischen Krieg, hat sich ein ausländisches Zeitungsnetzwerk mit Hauptsitz in Shanghai herausgebildet. Es hat sich von dort aus in die größten Städte im Süden und Norden Chinas (z. B. Kanton, Hankou, Tianjin, Hongkong und Macao) und auf weitere 14 Städte in der 8 Provinzen ausgeweitet. Damit hat es in China ein Monopol sowohl auf dem Zeitungsmarkt, wie auch darüber hinaus auf dem Nachrichtenmarkt allgemein geschaffen. Das Zeitungsnetzwerk repräsentierte die Art der Zeitungsentwicklung, die meisten kommerziellen Zeitungen waren. Nach den 70er Jahren des 19 Jahrhunderts haben sich Chinesen an den Zeitungsmarkt angeschlossen, z.B. Hongkonger Zeitung „Xünhuan Ribao“. Es war die Entstehungszeitpunkt der chinesischen Zeitungen. Seit der Ausrufung der Volksrepublik China im Jahr 1949 wurden staatliche Zeitungen gegründet. Zugleich wurden private Zeitungen verstaatlicht (vgl. HUANG, 2001).
Ein Amerikaner, Osborne, sendete am 1.Januar 1923 aus Shanghai das erste Radioprogramm. Dies wird als Beginn des chinesischen Rundfunks bezeichnet (vgl. HUANG, 2001). China National Radio (CNR) mit Sitz in Peking ist der größte nationale Radiosender der VR China. Sein Vorgänger war Yan’an-Xinhua Radio, der am 30. Dezember 1940 in Yan’an in Shaanxi gegründet wurde und damals zur Nachrichtenagentur Xinhua gehörte. Im Jahr 1947 zog der Sender nach Shanbei und sendete unter dem Namen Shanbei-Xinhua Radio. Am 25. März 1949 wurde er nach dem Sieg der KP im Bürgerkrieg nach Peking verlegt und in „Beiping-Xinhua Radio“ umbenannt. Gleichzeitig wurde er von der Xinhua Agentur getrennt. Am 5. Dezember 1949 bekam er seinen bis heute gültigen offiziellen Name „China National Radio (CNR)“. Seit 1950 strahlt er Programme neben dem Chinesisch auch in Uigurisch, Tibetisch, Mongolisch, Koreanisch und Kasachisch (vgl. HANGUO et al. 2002; HANQI et al. 2005). Darüber hinaus ist der im Jahr 1941 gegründete China Radio International (CRI) die einzige Rundfunkstation Chinas zur Ausstrahlung der Programme nach der ganzen Welt. CRI sendet täglich in 43 Sprachen – darunter auch auf Deutsch (vgl. WANG, 2003; GAN, 2004; ZHAO et al. 2005). CNR und CRI beide gehören zum chinesischem Rundfunk- und Fernsehamt.
Im Vergleich zu Radio ist das Fernsehen ein relativ junges Medium in China. Das Zentrale Chinesische Fernsehen (Zhongguo Zhongyang Dianshitai, abgekürzt CCTV) wurde im Mai.1958 zuerst unter dem Namen Pekinger Fernsehsender in Peking eingerichtet und die Ausstrahlung des Programms getestet. Ab 2.9.1958 sendete er im Regelbetrieb in Peking. Der Name wurde nach 1978 auf CCTV geändert. Im selben Jahr wurde das erste chinesische Fernsehgerät in der staatlichen Radiofabrik Tianjin gefertigt (vgl. ZHANG, 1999; DING et al. 2005, S. 63).
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Seit der Gründung der VR China wurde das Wort „Partei-Propaganda-Apparat“ zum Synonym für den Begriff „Massenmedien“. Die Hauptfunktion der Massenmedien war und ist die öffentliche Meinung in Übereinstimmung mit der jeweils herrschenden Parteilinie zu bringen. Das Informationsmonopol liegt beim Staat, die Regierung sendet, das Volk empfängt. Die Inhalte von zentraler Nachrichtenagentur werden als Kopie auf regionaler und Lokaler Ebene in Dörfern, Produktionsbrigaden, Kollektiven etc. Gleichzeitig werden Informationen so gefiltert und kanalisiert, dass unterschiedliche Empfänger qualitativ andere Nachrichten erhalten. Noch immer gibt es Nachrichten für hochrangige Funktionäre, die mehr wissen dürfen, als der einfachen Bürger. Die Macht der Mandatsträger begründet sich zu weiten Teilen in dem Informationsvorsprung, dem Deutungs- und Darstellungsmonopol, den diese Beamten gegenüber dem Volk besessen.
VR China gründete sich in den ersten Jahrzehnten wesentlich auf die Gedanken Mao Zedongs. Die große Zeit der Massenpropaganda waren sicherlich die Jahre der Kulturrevolution 1966 bis zu Maos Tod 1976, das wichtigste Medium- die kleine rote „Mao-Bibel“. Mit Beginn der vorsichtigen Liberalisierungsversuche Ende der 70er Jahre gewöhnte sich die Bevölkerung allmählich an die Medienpräsenz in ihrem Leben. In vielen Städten und Provinzen entstanden eigene lokale Sendestationen (als Symbol für das freieres ökonomisches Klima Mitte der 80er Jahre kann der 1986 in Südchina eingeführte kommerzielle Rundfunk gewertet werden). Dies führte schnell zu einem regelrechten Medien-Boom. Wie in anderen Ländern stehen jetzt auch in China Printmedien, audiovisuelle Medien bzw. neue Medien zur Verfügung.
Nach dem Niedergang der Presselandschaft während der Kulturrevolution ist das Angebot heute vielfältig und stark zielgruppenbezogen: Es gibt regionale bzw. lokale Presseerzeugnisse, Wirtschaftsinformationen und Nachrichten für die Landwirtschaft, Jugendliche, Frauen, bestimmte Berufsgruppen, wissenschaftliche Schriften, Sport, Technik usw. Die Steigerungsraten auf dem Printmedien-Markt sind beeindruckend: Die Zahl der Buchtitel stieg zwischen 1978 bis 2003 von 17.000 auf 190.391, davon waren 110.812 neue Titel, gedruckt wurden insgesamt 6,67 Mrd. Exemplare im Wert von 56, 18 Mrd. Yuan. Im Jahr 2003 gab es in China insgesamt 570 Buchverlage (vgl. LIANG, 2002; ZHAO, 2002; XIONG, 2006).
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Waren 1978 landesweit mehr als 186 Tageszeitungen erhältlich, so gab es im Jahr 2003 über 2100 Zeitungen, die zu 1200 Zeitungsverlagen gehören. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Zeitschriften von etwa 1500 auf über 9000 (vgl. LIANG, 2002; ZHAO, 2002; XIONG, 2006). Größte Zeitung in China ist die in Peking erscheinende Renmin Ribao (Volkszeitung). Sie untersteht der direkten Kontrolle durch das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei (KP) und deren tägliche Auflage beträgt über 2,5 Mio. (vgl. news.xinhuanet.com 2005). Vor allem sind alle Institutionen oder Unternehmen verpflichtet, diese Zeitung zu abonnieren. Die meisten Nachrichten entstammen der Xinhua. Sie ist auch für ausländische Beobachter als erste Quelle für Informationen aus China (vgl. WAN, 2001; KOCKARTZ, 2007). Weitere wichtige Zeitungen und Magazine sind Guangming Ribao (Die Tageszeitung Kuangming), Jiefang Ribao (Befreiung), Renmin Huabao (Volksillustrierte), Tiyu-kexue (Sportanzeiger) und Qingnianbao (die Chinesische Jugendzeitung).
In China gibt es zwei Nachrichtenagenturen:
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So versorgt Nachrichtenagentur Xinhua alle Provinzen und Regionen auf dem Festland, während der China-Nachrichtendienst vor allem die Auslandschinesen weltweit besonders in Taiwan erreichen will. Zudem computergestützten Datentransfer an alle chinesischsprachigen Zeitungen und Magazine betreibt (vgl. WAN, 2001; KOCKARTZ, 2007). Ausländische Anbieter können den Markt mit eigenen Produktionen nicht beliebig (etwa mit Übersetzungen) beliefern: die Zensurbehörden arbeiten lückenlos, und nur durch Kooperationsverträge mit staatlichen Institutionen sind die erforderlichen Lizenzen erhältlich (vgl. KOCKARTZ, 2007). Bereits hier wird deutlich, dass ökonomische Liberalisierung nicht notwendigerweise mit politischen Freiheiten einhergehen muss.
Trotz aller Vielfalt kann von Meinungsfreiheit keine Rede sein, da die jeweils herrschende Parteilinie nicht zur Debatte steht, sondern den unhinterfragbaren Rahmen für das journalistische Geschäft bildet. Wer seine Absatzmärkte nicht gefährden will, der lässt sich gar nicht erst auf Auseinandersetzungen mit den Behörden ein. Darüber hinaus flankieren viele große Zeitungsverlage in Großstädten ihre Produkte bereits mit einer eigenen Website, die zum Teil auch auf Englisch abrufbar ist.
Die kommunistische Regierung Chinas hat dem Radio große Bedeutung beigemessen, als es in den frühen fünfziger Jahren darum ging, Unterstützung für die neue Politik zu erlangen. Auf öffentlichen Plätzen und in Fabriken wurden von 1950 bis 1970 Lautsprecher eingerichtet, die zur Zeit in vielen abgeschiedenen Dörfern immer noch als Kommunikationsmittel, vielmehr als wichtigstes Mittel für politische Propaganda und örtliche Meldungen dienen. Nach wie vor sind politische Informationen alleinige Sache des Staates. Das Ministerium für Hörfunk, Filmwesen und Fernsehen in Beijing, das 1982 das Zentrale Rundfunk-Büro ablöste, betreibt den zentralen Inlandsrundfunk und Radio China International und legt die Arbeitsrichtlinien für die regionalen Anstalten fest: maßgeblich ist die Parteilinie (vgl. LIANG, 2002, S. 1-2).
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Es existierten in ganz China im Jahr 2002 schon ca. 2900 Radiostationen. China National Radio (Zhongyang Renmin Guangbo Diantai, abgekürzt CNR) ist landesweit zu empfangen. Die Zahl der kommerziellen Radioprogrammen in den Großstädten nimmt zu, aber sie beschränken sich auf Wirtschafts- und Verbraucherinformationen, Musik, viel Werbung und verzichten auf gesellschafts- oder gar systemkritische Inhalte. Insgesamt 93 % der Einwohner werden an landesweit über 500 Mio. Geräten mit Radioprogrammen versorgt. Dies bedeutet aber auch, dass 91,97 Mio. Einwohner keine Radioprogramme empfangen und 76,42 Mio. keine Fernsehprogramme (ebenda).
Der 1958 gegründete CCTV hat jetzt über 16 Programmkanäle zur Verfügung. Zugleich hat jede Provinz, jede Stadt und jeder Kreis eine eigene Fernsehanstalt. In der 50-60er Jahren besaßen sehr wenige Haushalte einen Fernsehapparat. Ende 60er Jahre waren es nur 20.000, viele Menschen wussten sogar nicht, was ein Fernsehapparat ist. Mit dem Beginn der Liberalisierungsversuche erst Ende 70er Jahre verbreiteten sich die Geräte etwas schneller und die Bevölkerung gewöhnte sich an die Präsenz des Fernsehens (vgl. LIANG, 2002, S. 2; DING et al. 2005, S. 63-64). Der Wirtschaftsaufschwung hat in der chinesischen Bevölkerung ein starkes Bedürfnis nach der Verbesserung der individuellen Lebensqualität ausgelöst. Der Anstieg des verfügbaren Einkommens der privaten Haushalte beeinflusste vor allem diejenigen Güter, die das Einkommen und den Status des Besitzers zeigen. Für chinesische Privathaushalte ist ein Fernsehapparat ein wichtiges Statussymbol und Repräsentationsmerkmal. Folgerichtig stieg die Nachfrage nach Fernsehern in atemberaubende Dimensionen (vgl. KAUFMANN, 2005, S. 105-106).
Besaßen im Jahre 1978 etwa über 3 Mio. Haushalte in China einen eigenen Fernseher, so waren es 1990 bereits 178 Mio., dies entspricht einer Reichweite von 18 Prozent. Der Durchdringungsgrad des Fernsehens ist im Jahr 2002 schon ziemlich hoch: 95 % der Bevölkerung wurden erreicht, 342 Mio. Farbfernsehgeräte, 100 Mio. Schwarzweißfernsehgeräte waren in Gebrauch. Neue Techniken halten Einzug: bereits über 100 Mio. Menschen haben Kabelempfang (vgl. LIANG, 2002, S. 2). 1988 wurde die von Hongkong aus agierende Asia Satellite Telekommunikationskorporation (Asiasat) gegründet, die 1990 Asiasat-1 in den Orbit schickte; Star-TV folgte 1991. Seit Ende 1995 sendet CCTV digital über Asiasat-2, bereits 19 Provinzen empfangen digitalisiert (Stand 2002). Ab der 1970er entstanden unter anderem in vielen Städten und Provinzen eigene lokale Fernsehstationen. In China gabt es im Jahr 2002 über 420 Fernsehstationen, 70.099 Übertragungsstationen zur Verfügung (vgl. LIANG, 2002, S. 3).
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Dem quantitativen Sprung entsprach eine Diversifizierung des Angebots: Das Spektrum der Themen wurde breiter; neue Zielgruppen wurden erschlossen und ihre spezifischen Interessen bedient (Senioren, Jugendlichen, berufs- und fachbezogene Informationen etc.). Debatten über soziale und ideologische Fragen sind heutzutage in der chinesischen Öffentlichkeit üblich,– jedenfalls, solange keine Kritik an der Parteilinie geübt wird. Das Hauptcharakteristikum des chinesischen Rundfunks ist seine Sprachrohr-Funktion der Parteizentrale. Gleich nach der Gründung der VR China erklärte Zentralkomitee der KP die Medienkontrolle zum Arbeitsschwerpunkt der Partei und erteilte ihrer speziellen Propagandaabteilung die Zuständifkeit. „Die korrekte Orientierung von Journalismus und Propaganda muss durch eine wirksamere Kontrolle von Medien und Verlagen garantiert werden.“ (vgl. WIECK, 2000, S. 12) - Dies ist bestehende Parteilinie. Daher ist CCTV in der Regel die Hauptprogrammquelle der lokalen Fernsehsender.
Es zeigt sich jedoch, dass moderne Technologie trotz internationaler unbeschränkter Ausstrahlung nicht unbedingt zu einer Liberalisierung des Medienkonsums führen – eher im Gegenteil. Der Satellitenempfang ist in China individuell nämlich kaum möglich und dadurch unterbindet die Regierung den Empfang unliebsamer ausländischer Programme. Des weiteren nehmen ausländische Anbieter, auch aus Angst vor dem Verlust von Marktanteilen selbst schon die Zensur vorweg und filtern ihre Nachrichten. Als Grundlage für die Zensurmaßnahmen dienen die stets aktualisierten Beschlüsse der KP. Zudem ist Fernsehen auch im Bildungsbereich aktiv. Es gibt in China eine besondere Bildungsanstalt – die Fernsehuniversität, die den Unterricht mittels des Fernsehens erteilt. Unter der Verwaltung des Zentralen Volkssenders ist sie ein weiterer Aspekt im Kommunikationsnetz Chinas. In Peking werden täglich neun Stunden Fernsehunterricht angeboten. Landesweit haben sich hunderttausende Studenten in der Fernuniversität eingeschrieben. Diese Einrichtung ist für China besonders sinnvoll, denn der Anteil der Bevölkerung im Studienalter ist hier extrem hoch.
Post- und Telekommunikationsdienste unterliegen der Regierungsaufsicht. Das Fernmeldewesen unterstand niemals der Propagandaabteilung, sondern organisierte sich von Beginn der Volksrepublik an dezentral– ein Sonderfall in der chinesischen Medienlandschaft. Noch im Jahr 1993 war das Telefonnetz zwar in nahezu allen Landesteilen ausgebaut, doch gehörten 40 % der 32 Mio. Telefonanschlüsse internen Netzwerken an und waren nur zum Teil mit den öffentlichen Leitungen verknüpft (vgl. WIECK, 2000, S. 13). Von „privaten“ Netzen zu sprechen war schwer, nur wenige Haushalte verfügten über eigenen Anschluss, denn ihre Träger waren nicht Bürger, Kommunen oder Unternehmen, sondern Institutionen, die innerhalb des Staatswesens eine Schlüsselrolle spielten, allen voran die Volksbefreiungsarmee und die Ministerien für Transportwesen, Bodenschätze und Energie. Die Eigenständigkeit und das reibungslose Funktionieren der Kommunikation innerhalb des militärischen Machtblockes waren die entscheidende politische Aufgabe für die chinesische Telekom (vgl. LYNCH, 1999, S. 38).
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China Telecom erhält Konkurrenz durch die mit ausländischen Providern zusammenarbeitenden Firmen Liantong und Jitong. Jedenfalls zielt der Versuch, die Nachrichtentechnik mit den Informationsnetzwerken zu verknüpfen, auf Indigenisierung globaler Prozesse und damit auf wirtschaftliche wie ideologische Autonomie. Die steigende Zahl der multinationalen Firmen erfordert eine Ausweitung und Liberalisierung des Fernmeldewesens, und auch auf dem privaten Markt nimmt die Nachfrage stark zu: 1996 mussten sich statistisch nur 6 Stadtbewohner einen Anschluss teilen, auf dem Land kam auf 60 Menschen ein Telefon. 2003 verfügten schon 263 Mio. Haushalte über ein Festnetz. Im gleichen Zeitraum war der Siegeszug des Mobiltelefons beeindruckend: 269 Mio. Menschen verfügten über ein Handy (vgl. ZHSHYG, 2004; ZHANG, 2004). Noch viel weiter verbreitet ist eine technologischen Neuerung, die in Europa offenbar nicht wirklich Fuß fassen konnte: Xiaolingtung (Mini-Informator), der in China bis Ende 2003 schon mehr als 40 Mio. Kunden gewann, und der so etwas wie ein Bindeglied zwischen dem Festnetz und mobilem Telefon darstellt (vgl. ZHSHYG, 2004; ZHANG, 2004; news.xinhuanet.com 2005).
Die Verbreitung vom Computer stiegen im Jahr 1998 über 200 %, 2000 um 55 % und 2002 aber nur um 7,3 %. Trotzdem hat die VR China damit die zweithöchste Wachstumsrate (nach Indien) erreicht (vgl. ccidnet.com, 2003). 2002 existierten 38 Mio. PCs und vor allem einheimische Marken (Lenovo, Fangzheng, Tongfang, Changcheng, TCL Haier etc.) profitierten und profitieren von den Verkaufsziffern (vgl. GONG 2002). Bis Ende 2003 gab es 30,89 Mio. Internetanschlüsse und haben bereits fast 79,5 Mio. Chinesen im Netz gesurft. Von der intellektuellen urbanen Elite Chinas verfügte bereits mehr als die Hälfte über PC und Internet (vgl. CNNIC, 2004; FANG et al. 2004; ZHANG, 2004). Das Internet bietet den Chinesen riesige Möglichkeit, speziell im kommerziellen Bereich.
Im Verlauf dieser Entwicklung nehmen jedoch die Kontroll- und Zensurmaßnahmen des Staates gegen dieses scheinbar so unbeeinflussbar wuchernde Netzwerk zu. Da die chinesische Regierung grundsätzlich keine öffentlichen regimekritischen Äußerungen duldet, stellt die Kontrollierbarkeit sicherlich die größte Herausforderung an die parteiamtliche Nachrichtentechnik dar. Vom polizeilichen Führungszeugnis, das jeder Betreiber eines Internet-Cafes den Behörden vorzulegen hat, über weit überhöhte Registrierungs- und Nutzungsgebühr für die Surfer bis hin zu aufwendigen Zensur- und Blockadeprogrammen, die gegen unliebsame Webseiten installiert werden, reichen die Eingriffe, mit denen die ausländische Meldungen außerhalb der chinesischen Informationsmauern gehalten werden sollen (vgl. BILLMEIER, 2007, S. 51-52; ZINZIUS, 2007, S. 17; BRADY, 2007, S. 131-132).
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Außer diesen festgeschriebenen üblichen Kontrollmaßnahmen werden jedoch unregelmäßige Kampagnen gegen die "unkontrollierte Nutzung" des Internets (etwa falsche oder kriminelle Botschaften) geführt. Die Regierung will zwar das Internet nutzen, die zugänglichen Informationen jedoch kontrollieren, so wurden im Jahr 2004 z. B. 47.000 Internet-Cafes geschlossen, rund 8600 davon wurden zwischen Februar und April 2004 geschlossen (vgl. news.xinhuanet.com 2004; BILLMEIER 2007, S. 51-52). Um die Webseiten mit politisch nicht akzeptablen Inhalten zu blockieren, wurden ausländische Serviceprovider oder Softwareunternehmen zur Mithilfe aufgefordert. Auf der Suche nach Werbe- und Absatzmärkten hat z. B. Yahoo mit den chinesischen Behörden kooperiert. Die Firma bietet nicht nur ihre Suchdienste an, sondern entwickelte gleichzeitig mit Bereitwilligkeit den Filter für indizierte Webseiten und Abschirmprogramme für Unerwünschtes. Microsoft brachte eine Variante seines Blog-Tools MSN Spaces heraus, die es blockiert, die Worte „Demokratie“, „Freiheit“ und „Menschenrechte“ zu verwenden (vgl. ARMBORST, 2006, S. 64; ZINZIUS, 2007, S. 17; BRADY, 2007, S. 131-132; spiegel.de, 2006).
Für den Großteil der Internetnutzer in China ist das Internet-Cafe der einzige Zugang zum Internet. Es gilt zu bedenken, dass die meisten User weniger auf der Suche nach subversiven Informationen sind, sie wollen vielmehr dieses Medium ganz pragmatisch, bedürfnisorientiert nutzen: Zum Chatten, Zur Recherche nach Schul- und Hochschulinformationen oder nach Finanzinformationen, Börsennachrichten, Stellenmarkt; zur Warenbestellung aus dem Internet-Katalog; für Online-Spiel etc. Aufgrund mangelnder Sprachkenntnis können nur weniger Chinesen die englischsprachigen Internetangebote nutzen. Diese Sprachbarriere wirkt wohl stärker als jede behördlich angeordnete Zensur.
Die Filmbranche entwickelt sich auch schnell, aber im Vergleich zur anderen Medien geht es langsamer vorwärts. Es existieren mehr als 40 Film Studios, darunter einige lokale Institutionen wie das Xinjiang Film Studio, das Emei Film Studio (das Innere Mongolei Filmstudio), zielgruppenbezogene Unternehmen wie das Filmstudio der Volksbefreiungsarmee, das Agrarkultur Film Studio oder das Beijing Jugend Film Studio, und gibt es mehr als 30 Filmverleih- und Vorführungskonzerne. Im Jahr 2002 wurden etwa 100 Filme produziert, die Einnahmen betrugen aber nur 900 Mio. Yuan (90 Mio. Euro). Das Filmangebot des Jahres 2002 konnte insgesamt 250 Mio. BesucherInnen in die 50.000 heimischen Kinos locken. Dies Anteil bedeutet statistisch, dass eine Person alle 5 Jahre einmal ins Kino geht (vgl. vgl. LIANG, 2002, S. 3-4; YIN, 2004, S. 30).
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Mehr als 40 % aller städtischen Haushalte besitzen einen Videorecorder. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die Karaoke-Bars, in denen Musik und Videos aufgelegt werden – eine private Form der Unterhaltung (vgl. LIANG, 2002, S. 4). Ausländischen Filmproduktionen sind auch beim Publikum angekommen, aber manche werden auch von chinesischen Zuschauern abgelehnt, da sie nicht den kulturellen und ethischen Normen entsprechen.
In den westlichen Veröffentlichungen ist Xinjiang bekannt als Ost-Turkestan oder Sinkiang und es liegt im äußersten Nordwesten Chinas, im Herzen des euroasiatischen Kontinents, zwischen Altai und Karakorum, dem Pamir und der Wüste Gobi. Xinjiang nimmt mit 1,6 Mio. km² etwa ein Sechstel der Gesamtlandfläche Chinas ein und ist damit eine der größten administrativen Einheiten der Volksrepublik China. Xinjiang deckt praktisch den Nordwesten Chinas ab und erstreckt sich über 1.900 km von Westen nach Osten und über rund 1.450 km von Norden nach Süden. (Xinjiang ist etwa so groß wie Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Spanien zusammen bzw. ca. viermal so groß wie Deutschland) (vgl. MAMTIMIN, 2005, S. 8).
Xinjiang, geographisch zwischen 34° 25’ und 49°01’ nördlicher Breite und 73°41’ und 96°19’ östlicher Länge gelegen (Breitenparallel auf mitteleuropäische Länge verschoben, würde Xinjiang vom nördlich Tunesien bis nach Nürnberg und von Lyon bis Wien reichen), grenzt im Nordosten an die Mongolei, Russland, im Westen an Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan, im Süden an Indien, Pakistan, Afghanistan. Benachbarte chinesische Provinzen sind Qinghai und Gansu sowie die Autonome Region Tibet (siehe Abb. 1). Seine Außengrenze beträgt rund 5.400 km, ein Viertel der gesamten Grenzlinie Chinas und hat damit die längste Außengrenze unter den chinesischen Provinzen (ebenda).
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| Abb. 1: Die Lage der Untersuchungsgebiete | ||
Fernab der chinesischen Siedlungsgebiete im Ödland Chinas Westens gelegen, verfügt die „Uigurische Autonome Region Xinjiang“, so sein offizieller Name seit dem 1.10.1955 – das im alten China als „Xiyü“ (Westland) bekannte Gebiet wurde 1884 unter dem Namen Xinjiang (Neue Grenze) eine Provinz Chinas – über eine sehr spannende und wechselnde Geschichte und ist eine einzigartige chinesische Provinz (vgl. WEGGEL, 1984, S. 242; GLADNEY, 2004, S. 247). Die Stellung Xinjiangs im chinesischen Provinzgefüge wird bis heute noch bestimmt von seiner Geschichte. Als Teil des Zentralasiens lässt sie sich nicht von großen historischen Entwicklungen Zentralasiens trennen. Zentralasien war in der Geschichte eine wirtschaftlich sehr bedeutungsvolle Region, ein Treffpunkt des Handels und der Zivilisationen Chinas, Indiens, des Mittleren Ostens und Europas (vgl. HAMBLY, 1966, S. 185).
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Die in der Mitte Asiens gelegene Region Xinjiang hat in den letzten zweitausend Jahren eine bedeutende Rolle in der asiatischen Geschichte gespielt. Als Durchgangsraum der Seidenstraße entwickelte sich Xinjiang über Jahrtausende hinweg zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Bindeglied zwischen der östlichen und westlichen Welt und verband Chinas Kernland, das ostasiatische China, mit den an Xinjiang unmittelbar angrenzenden Kulturräumen Zentral- und Südasiens bzw. bis nach Europa. Hier trafen die verschiedenen Völker, Kulturen und Religionen aufeinander. Das dokumentieren die historischen Hintergründe vieler Städte, archäologische Funde und viele kultur-historischen Stätten. Die Beziehungen zwischen den Völkern wurden jedoch nicht nur vom Handel, sondern auch von militärischen Auseinandersetzungen geprägt. Es wurde in den letzten zwei Jahrtausenden zur Zwischenstation von Eroberern und Händlern. Kontrahenten waren meist verschiedene Turkvölker, Chinesen, Perser, Araber, Mongolen und auch Russen (vgl. HAYIT, 1997, S. 165; WEGGEL, 1984, S. 2).
Bis heute ist die archäologische Erforschung Zentralasiens noch nicht abgeschlossen, sodass sich noch kein endgültiges Bild der Frühzeit zeichnen lässt. Die früheren historischen Zeugnisse zeigen, dass Xinjiang vor Chr. ein Gebiet war, das von zahlreichen zentralasiatischen Barbarenstämmen heimgesucht wurde. Ende des 3. Jh. v. Chr. trat ein reiternomadisches Volk – die Hunnen (in Chinesisch: Xiongnu) stark in Erscheinung. Sie führten 2 Jahrhunderte lang kriegerische Auseinandersetzungen mit dem chinesischen Königreich. Sie errichteten dank ihrer militärischen Überlegenheit das erste Steppenimperium, dem mehr als 25 Völker unterschiedlicher Kulturen und Sprachen angehörten. Die Hunnen konnten ihren Einfluss nicht nur gegen China geltend machen, sondern griffen bald auch in die Geschichte des südlichen Zentralasiens ein. Den Chinesen gelang es die Hunnen von der Westgrenze ihres Reichs abzudrängen (u. a. geht der Bau der ersten chinesischen Mauer auf diese chinesischen Schutzmaßnahmen zurück) (vgl. BAYTUR, 1991).
Zur gleichen Zeit wurden die damals in dieser Region (heutiger Xinjiang) existierenden 36 kleinen Königreiche von Hunnen erobert. Im 1. Jh. v. und n. Chr. verschaffte sich die chinesische Han-Dynastie einen ersten Zugriff auf die Region (vgl. HALIK, 2003, S. 55). Zeitgleich mit der Vertreibung der Hunnen begann die Westexpansion Chinas. 109 v. Chr. zogen chinesische Truppen aus, die Oasenstädte Kroran (in Chinesisch: Loulan) am Lop Nur und Khosh (in Chinesisch: Cheshi), zu unterwerfen. 71 v. Chr. fiel das Junggar-Becken in die Hände der Chinesen. Allerdings beschränkte sich die chinesische Kontrolle weitgehend auf die errichteten Garnisonen und Wachtürme entlang der Seidenstraße. Im Jahr 106 v. Chr. nahmen Chinesen und Perser die ersten diplomatischen Beziehungen auf und noch im gleichen Jahr ging die erste Karawane von Osten nach Westen (vgl. HAYIT, 1997, S. 167).
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Das Ende der Han-Dynastie im Jahre 220 n. Chr. bedeutete auch das Ende der chinesischen Vorherrschaft in Zentralasien. Nach einer kurzen Herrschaft der Perser (vgl. JUNG, 1999, S. 117) traten 552 n. Chr. die Türken erstmals als politischer Machtfaktor auf. Durch verschiedene Eroberungszüge gelang es ihnen ein mächtiges Kök-Türk Reich zu gründen, das von der Mongolei und der Nordgrenze Chinas bis hin zum Schwarzen Meer reichte. Das Reich bestand als Verband nomadischer Stämme und hatte große Bedeutung in der Geschichte der frühen türkischen Völker. Im Jahr 583 n. Chr. war das Reich in das Westtürkische Reich (552-657) und Osttürkische Reich (552-630) geteilt, das jedoch nach dem Wiedererlangen der ehemaligen Stärke Chinas unter den militärischen Eroberungszügen der Tang-Dynastie (618-906 n. Chr.) zerbrach, deren Zugriff aber auch nicht lange dauerte (vgl. HAYIT, 1997, S. 167; WEGGEL, 1984, S. 3).
Schon während des Kök-Türken-Reichs hatten die Uiguren einen beträchtlichen politischen Einfluss entfalten können. 744 n. Chr. erklärte sich der Führer der Uiguren Kutluq Bilge Kül Kaghan (Groß-Kaghan) im Rahmen des Kök-Türken-Reichs schließlich zum obersten Herrscher und gründete das Orhun-Uiguren-Reich. Die Uiguren übernahmen damit die Führung im Gebiet des Tarim-Beckens, auch des Junggar-Beckens und der heutigen Mongolei, die aber 840 von den Kirgisen zerstört wurde. In der Zeit ist kulturhistorisch bedeutsam, dass die Uiguren den manichäischen Glauben übernahmen (vgl. HAYIT, 1980, S. 62; BAYTUR, 1991, S. 482-531; RALL, 2006, S. 103).
705 n. Chr. marschierten die arabischen Heere weit nach Zentralasien hinein, um die Religion Islam zu verbreiten. Unter ihrem Heerführer Kutaiba Bin Muslim, dem Statthalter von Chorasan, konnten die Araber große Erfolge verbuchen. Im Jahre 713 drangen die Araber nach Xinjiang vor. Kutabai bin Muslim hatte zwar die Basis für die Ausbreitung des Islams in Zentralasien erfolgreich geschaffen, aber eine dauerhafte arabische Herrschaft konnte in Zentralasien nicht etabliert werden. In den folgenden 1000 Jahren stand die Region unter der Herrschaft wechselnder türk-mongolischer Völker. Unter diesen waren das uigurische Karakhan-Reich mit der Hauptstadt Kashgar und die mongolische Dschingis-Khan-Dynastie (Yuan-Dynastie) im 13.Jh. weltbekannt (vgl. BAYTUR, 1991).
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Nachdem Untergang des Orhun-Uiguren-Reichs begannen immer mehr Uiguren, von den Kirgisen aus ihrer ursprünglichen Heimat, der Mongolei, verdrängt, sich weiter im Gänzhou-Gebiet (Umgebung der heutigen Stadt Zhangye von Provinz Kansu), im Junggar-Becken und südlich im Tarim-Becken niederzulassen, wo sie bald darauf drei eigenständige großen uigurischen Königreiche Gänzhou-Uiguren-Reich (850 - 1028 n. Chr.), „Idiqut- Uiguren-Reich“ (auch bekannt als „das Uigurische Khocho-Reich“ in Turpan-Becken, 866 - 1393 n. Chr.) und „Karakhan-Reich“ (932 – 1212 n. Chr.) gründeten (vgl. BAYTUR, 1991). Das Gänzhou-Uiguren-Reich wurde 1028 n. Chr. vom Westlichen Xia-Reich zerstört, das im Jahr 1227 n. Chr. wiederum von dem mongolischen Herrscher Dschingis Khan (Temudschin) erobert wurde. In dieser Zeit bekehrten sich die alle Gänzhou-Uiguren vom manichäischen Glauben zum Buddismus. 1209 n. Chr. ging das Idiqut-Uiguren-Reich mit seiner Hauptstadt Idiqut (in Chinesisch: Gaochang) unter, die Uiguren unterwarfen sich dem Mongolen-Reich (spätere Yuan-Dynastie) (vgl. BAYTUR, 1991).
Obwohl sie nun den Mongolen gegenüber tributpflichtig waren, konnten sie doch eine relative Selbständigkeit bewahren. 1320 gelang es den Uiguren die Unabhängigkeit eigenes Reiches wiederzugewinnen, aber 1393 n. Chr. wurde es erneut von dem Mongolen-Reich, einem Nachfolgereich des nach dem Tod Dschingis Khans zerfallenen Mongolenreiches, erobert (vgl. BAYTUR, 1991; RALL, 2006). Große Bedeutung hatte das Idiqut-Uiguren-Reich für die Ausbreitung des Buddhismus. Die Lehre wurde zur Staatsreligion erklärt. Sie prägte jahrhunderte lang die kulturelle Entwicklung der Uiguren dieses Reiches, bis zum Eindringen des Islams. Herausragend sind auch die Leistungen im Kunstbereich, wie z. B. „die Tausend-Buddha-Höhlen von Bezeklik“ mit buddhistischen Wandmalereien aus dem 5-13. Jahrhundert sowie die an einem Berghang gebaute und mehr als 1600 Jahre alte „die Höhle der Tausend-Buddha von Kizil“ im Kreis Kucha (in Chinesisch: Kuche). Diese Höhle galt damals als eine Stätte, an der sich buddhistische Meister charakterlich vervollkommnten (vgl. BAYTUR, 1991).
Das Karakhan-Reich umfasste nach dem Kök-Türken-Reich und dem Orhun-Uiguren-Reich das größte und kulturell entwickeltste uigurische Reich und überdauerte bis zum Eindringen der Mongolen im 13. Jahrhundert. Während dieser Epoche kamen die Uiguren unter den Einfluss des Islams. Die meisten Uiguren des Karakhan-Reichs nahmen den muslimischen Glauben unter Sultan Abdulkerim-Satuk Bugra Khan an, dem Herrscher des Königreichs, der 934 zum Islam wechselte und den Islam zur Reichsreligion erklärte. Seitdem erlebten Uiguren eine 3 Jahrhunderte lang dauernde kulturelle und religiöse Transformation hin zum Islam, der bis heute in Xinjiang prägend ist (vgl. BAYTUR, 1991; DILLON, 2004). Im Jahre 1229 beendeten die Mongolen uigurische Herrschaft. In der Zeit der mongolischen Herrschaft von Timur (14. – 15. Jh.) und Babur (Anfang des 16. bis Mitte des 17. Jh.) war Zentralasien das Zentrum der Islamischen Kultur (vgl. LI, 2003, S. 298).
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Ende des 17. Jahrhunderts wurde die mongolische Herrschaft von der Qing-Dynastie der Mandschuren abgelöst. China versuchte in der Folge zwar immer wieder Xinjiang zu annektieren, die Macht Chinas in Xinjiang war doch bis in das später 17. Jh. noch keineswegs hergestellt. 1755 n. Chr. konnten die chinesischen Mandschu-Herrscher schließlich Xinjiang wiedererobern. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts kam es zu zahlreichen Aufständen gegen die chinesische Besatzung. Mit einem bereits 1824 begonnenen Aufstand gegen die mandschurische Herrschaft gelang es dem muslimischen Führer Yaqub Beg das gesamte Tarim-Becken zu erobern. Er errichtete von 1868 bis 1877 einen unabhängigen Staat „Kashgarien“ (vgl. WACKER, 1995, S. 8; HAYIT, 1997, S. 168; GLASSE et al. 2001, S. 480). China begann dann einen großen Feldzug gegen die lokale Bevölkerung Xinjiangs, zu der neben den Uiguren auch Kasachen, Kirgisen und Dunganen (in Chinesisch: Hui) zählten.
Im Jahre 1877 eroberten die kaiserlichen Armeen von Qing-Dynastie die Region zurück. 1884 konnte die Region schließlich als „Xinjiang“, das bedeutet „das neue Territorium“, vollständig in den chinesischen Staat integriert werden (vgl. FRIEDERICH, 1995, S. 6; GLADNEY, 2004, S. 246-247). Die weite Entfernung zwischen Xinjiang und der Hauptstadt von Qing-Dynastie sicherte verschiedener ethnischen Volksgruppen weitgehende Autonomie und Freiheit in der Ausübung ihrer Traditionen und ihres islamischen Glaubens. In dieser Periode hatten schon westliche Länder ein Auge auf Xinjiang geworfen. So hatten sowohl Großbritannien wie auch Russland versucht, seinen Einfluss in Xinjiang auszudehnen (vgl. KEMPF, 2002; WEGGEL, 1985).
Unter den instabilen Verhältnissen in Xinjiang hatte General Kaufmann des zaristischen Russlands im Jahre 1870 – 1871 das Ili-Tal annektiert und es in die neuen Territorien dem russischem Turkestan angegliedert. Dank britischer Interventionen kam es zu Verhandlungen zwischen der chinesischen Qing-Dynastie und dem zaristischen Russland, die im Jahr 1881 durch den Vertrag von St. Petersburg abgeschlossen wurden. Russland gab die meisten der annektierten Territorien an China zurück, jedoch konnte es einige der Territorien behalten, seine Machtposition war also nicht ganz verloren (vgl. WEGGEL, 1985; KAUSCH, 2001). Von nun an herrschte ein empfindliches Gleichgewicht zwischen England, das in Urumqi präsent war, und Russland, das im Ili-Gebiet und in Kashgar einen großen Einfluss ausübte. Dazwischen stand China. Bis 1907 haben England und Russland sogar zwei Abkommen beschlossen, in denen die Unterlassung aller Schritte, die die Spannung zwischen den beiden Großmächten erhöhen würden, festgeschrieben wurde. Die Rivalität der beiden Staaten sicherte auch die chinesische Herrschaft in Xinjiang (vgl. WEGGEL, 1985; BAYTUR, 1991; HAYIT, 1997).
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Nach dem Sturz der Qing-Dynastie im Jahr 1911 begann in Xinjiang nun ein Zeitalter diverser „Warlords“. Xinjiang wurde von Gouverneuren der Republik China verwaltet, die weitgehend unabhängig agieren konnten. Diese Umstände nutzte die Sowjetunion, um eine Vormachtstellung in Xinjiang zu erlangen. So prägte in dieser Zeit der sowjetische Einfluss fast alle wirtschaftlichen, politischen und militärischen Bereiche in Xinjiang. Beim großen Versuch der Uiguren 1933, eine von China unabhängige Republik Ost-Turkestan zu errichten, bat der letzte chinesische prosowjetische Kriegsherr Sheng Shicai um sowjetische Militärhilfe. Damit erlangte die Sowjetunion noch größeren Einfluss. Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges wurden die sowjetischen Truppen jedoch abgezogen. Im Juni 1943 drangen Guomindang-Truppen in die Oase Kumul ein und übernahmen die Vorherrschaft in Xinjiang. Im November 1944 wurde die Republik Ost-Turkestan wiederum im Ili-Gebiet gegründet. Die Regierung dieser Republik wurde aus Uiguren, Kasachen, Weißrussen und Hui gebildet (vgl. WEGGEL, 1985; HAYIT, 1997; KAUSCH, 2001).
Die ostturkestanische Regierung stimmte gleich nach der Gründung der VR China 1949 der Eingliederung Xinjiangs in die VR Chinas zu, damit gewann die erst kürzlich proklamierte Chinesische Volksrepublik Xinjiang als neue Provinz, ohne dass es zu Auseinandersetzungen gekommen war. Xinjiang wurde zunächst als Provinz der VR China angegliedert und am 1. Oktober 1955 gemäß der ersten Verfassung der VR China, die am 20.9.1954 verabschiedet wurde, als eine Autonome Region der Uiguren (abgekürzt XUAR) offiziell proklamiert. Die erste Verfassung der VR Chinas hat in Artikel 3 den Richtlinien der Minderheitenpolitik festgelegt: „In den Gebieten, wo eine nationale Minderheit in geschlossenen Gemeinschaften lebt, ist die nationale Gebietsautonomie zu verwirklichen. (...) Jede der nationalen Minderheiten genießt die Freiheit, ihre eigene Sprache und Schrift zu verwirklichen, ihre Sitten und Gebräuche beizubehalten oder umzugestalten, das gleiche gilt für die Religions- und Glaubensfreiheit. Die Volksregierung ist verpflichtet, den Volksmassen der nationalen Minderheiten beim Aufbau ihrer Politik, Wirtschaft, Kultur und Bildung zu helfen“. Darüber hinaus enthält Artikel 3 ein Diskriminierungsverbot (vgl. PRESSEAMT DES STAATSRATES DER VR CHINA, 2003).
Mit diesem Autonomie-Status erhält die Regierung Xinjiangs wie auch der anderen vier Autonomen Regionen in China das Recht, im Rahmen der Verfassung und des geltenden Rechts der Volksrepublik lokale Gesetze und Verordnungen mit Blick auf die örtlichen Verhältnisse auszuarbeiten, die die Interessen der ethnischen Minderheiten berücksichtigen: Mitspracherecht bei der Verwaltung der Finanzen, beim lokalen wirtschaftlichen Aufbau und bei der Erziehungs-, Kultur- und Gesundheitsverwaltung, jedoch ohne Selbstbestimmung und politische Eigenständigkeit (vgl. HEBERER, 1989, S. 62; HALIK, 2003, S. 58). Seit der Anbindung an die VR China fanden in Xinjiang seitens Chinas massive Ansiedlungen von Han-Chinesen aus dem Kernland statt. Dadurch wurde die traditionelle Lebensweise der einheimischen Völker weitgehend zerstört. Der Anschluss an die VR China beinhaltete auch eine schrittweise umgesetzte Landreform (1950-1953), die Kollektivierung der landwirtschaftlichen Betriebe in Genossenschaften bis 1957 und ab 1958 die Einführung von Volkskommunen und Staatsfarmen bedeutete. Gleichzeitig setzten ab Mitte der 50er Jahre umfangreiche Neulanderschließungen ein (vgl. KRAFT, 1993, S. 21; FRIEDERICH, 1995, S. 13).
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Die Jahre zwischen 1949 und 1957 waren in ganz China einschließlich Xinjiangs eine so genannte „Periode demokratischer Reformen“, die spätestens mit dem „Großen Sprung nach vorne“ (1958-1960) beendet war. Von nun an hieß es, dass die Unterschiede zwischen Han-Chinesen und den verschiedenen Ethnien so gut wie abgebaut worden seien. Im Zuge der nachfolgenden „Gleichschaltungspolitik“ wurden religiöse Zeremonien, Sitten und Gebräuche der Minderheiten für rückständig und dem Fortschritt hinderlich erklärt. Nach dem Scheitern der katastrophalen radikalen ökonomischen Politik des „Großen Sprungs“ wurden die Sonderrechte der Minderheiten wiederhergestellt und zugleich wurde betont, dass ihre Besonderheiten berücksichtigt werden müssten. Aber 5 Jahre später mit dem Beginn der Kulturrevolution 1966 wurden alle Sonderrechte erneut radikal aberkannt (vgl. STARR, 2004; BOVINGDON, 2004).
Seit der Reform- und Öffnungspolitik (Transformation von einer sozialistischen Planwirtschaft zu einer autoritären Marktwirtschaft) im Jahr 1978 verbesserte sich die Wirtschaft von Xinjiang kontinuierlich. Dieser Erfolg ist anhand der Modernisierung der Städte sichtbar. Aber das Verhältnis zwischen den Uiguren und Han-Chinesen hat sich seither verschlechtert, da sich die ethnische Polarisierung vergrößert. 1984 wurde ein neues Autonomiegesetz verabschiedet, indem für ethnische Minderheiten eine weit reichende Selbstverwaltung in Wirtschaft und das Recht auf die Pflege eigener Sprache und Kultur bzw. die Religionsfreiheit vorgesehen sind. In der Realität sind diese Autonomiebefugnisse jedoch äußerst begrenzt. (vgl. BOVINGDON, 2004, S. 28-40).
Die Auflösung des politischen Systems der ehemaligen Sowjetunion und die Entstehung neuer souveräner Staaten an der Grenze zu Xinjiang veränderten die politische Lage Xinjiangs. Zugleich erhöhte sich der Druck auf die Uiguren. Übrigens hat China die Ereignisse vom 11. September 2001 und den nachfolgenden "Krieg gegen den Terrorismus" als Vorwand für sein repressives Vorgehen gegen die politisch anders denkenden Uiguren instrumentalisiert. So setzt die chinesische Regierung jeden Ausdruck von Unzufriedenheit der Uiguren gegenüber der chinesischen Nationalitätenpolitik mit "Separatismus" gleich und unterdrückt jede ethnisch motivierte Forderung als „terroristisch“ (vgl. PEIMANI, 2003, S. 68-70; STARR, 2004, S. 120; BOVINGDON, 2004, S. 6-23).
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Trotz des Reichtums der Region an natürlichen Ressourcen (besonders Erdöl und Erdgas), geht dies aber an den Uiguren vorbei und kommt ihnen kaum zugute. So leben viele Uiguren nur noch am Existenzminimum oder unterhalb der Armutsgrenze. Diese ökonomische Entwicklungspolitik wurde von vielen Analytikern als „from discriminat[ory] to segregative” oder „can only be seen as Han economic imperialism” bezeichnet (vgl. BECQUELIN, 2000, S. 90; BACHMAN, 2004, S. 156; BOVINGDON, 2004, S. 40). Darüber hinaus wird seit einigen Jahren die uigurische Sprache ihres offiziellen Status als eine der Amtssprachen in Xinjiang (neben Chinesisch) systematisch zurückgedrängt. Zuerst wurde sie als Vorlesungssprache an den Hochschulen abgeschafft, jetzt fortschreitend in allen Schularten, sogar in Kindergärten. Uigurische Schulen und Kindergärten in ganz Xinjiang sind mit chinesischen Schulen und Kindergärten zusammengeschlossen worden und Chinesisch wird als Erziehungssprache in den Bildungseinrichtungen verwendet (vgl. GOODMAN, 2004, S. 62; CHIMELLI, 2008, S. 10).
VR China ist mit ihren 1,3 Milliarden Einwohnern (Stand: 2005) das bevölkerungsreichste Land der Erde. 2000 waren 91,6 % der Bevölkerung Han-Chinesen. Die als Minderheit anerkannten anderen 55 Volksgruppen stellen zwar nur 8,4 % der Gesamtbevölkerung, bewohnen aber riesige Territorien in den dünn besiedelten Randgebieten Chinas, d. h. 60 % des Staatsgebietes gehört zu ihrem traditionellen Siedlungsgebiet. 2000 betrug die Bevölkerung Xinjiangs 18,45 Mio. Menschen mit unterschiedlicher kultureller und ethnischer Herkunft (vgl. GRPB, 2002). Xinjiang ist auf Grund seiner ausgeprägten ethnischen Vielfalt eine einzigartige multikulturelle Region in China und entsprechend groß ist die Vielfalt an Traditionen, Sitten und Gebräuchen.
Gegenüber der Volkszählung von 1949, dem Gründungsjahr der Volksrepublik China, ist die Einwohnerzahl Xinjiangs in den vergangenen 50 Jahren um fast das 5 fache gestiegen (vgl. Tab. 1). Während der Zuwachs bei den ethnischen Minderheiten fast ausschließlich auf das natürliche Bevölkerungswachstum zurückzuführen ist, wuchs die Zahl der Han-Chinesen vor allem durch die massive Zuwanderung aus anderen chinesischen Provinzen, die mit Anreizen (politisch-ideologische Motivierung, Statusgewinn, Zuschüsse usw.) von der chinesischen Regierung in Gang gesetzt wurde.
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Dieser Zensus aus dem Jahr 2000 weist die Uiguren als die größte Bevölkerungsgruppe aus (45,21 %), sie liegen damit 5 % vor der Gruppe der Han-Chinesen (40,58 %). Ihnen folgen Kasachen 6,74 % und Hui-Chinesen (Dunganen) 4,55 %. Alle anderen Volksgruppen, darunter Kirgisen und Mongolen kommen auf einen Bevölkerungsanteil von unter 1 %, sowie die Tadschiken, Sibo, Mandschu und Usbeken. Im Vergleich zu 1949 wuchs die Anzahl der Uiguren um ca. 5 Millionen, gleichzeitig aber sank der Anteil an der Gesamtbevölkerung von 76 % auf 45,2 %. Dagegen ist der Prozentsatz der Han-Bevölkerung im gleichen Zeitraum von ca. 7 % auf über 40 % sprunghaft gewachsen (vgl. Tab. 1 und Abb. 2). Rechnet man die Armee und deren Angehörige bzw. die Wanderarbeiter aus dem chinesischen Kernland zu diesen Zahlen hinzu, so macht die Han-Bevölkerung derzeit ca. die Hälfte (50 %) der Wohnbevölkerung aus (vgl. GRPB, 2002).
Quelle: XJTJNJ (1998) und Statistische Daten der Nationalitäten von Volkszählung 2000 Chinas (vgl. GRPB 2002). Diese Tabelle schließt nicht militärische Personal und ihre Familienangehörige sowie die vielen nicht registrierten Gastarbeiter mit ein.
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Die ursprünglich mehrheitlich von Uiguren dominierte multikulturelle Gesellschaft Xinjiangs ist heutzutage in eine grundsätzlich veränderte neue multikulturelle Gesellschaft umgewandelt: eine von Han-Chinesen stark geprägten multikulturelle Gesellschaft im Norden und eine andere von Uiguren dominierte Gesellschaft im Süden, die ihre Traditionen und ihre Kultur bewahrt.
| Abb. 2:Wachstum der Bevölkerung und größter Volksgruppen | ||
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In Xinjiang hat sich das multiethnische Segment der Sozialstruktur in den letzten fünf Jahrzehnten von 13 Nationalitäten auf ca. 47 drastisch erweitert. Nach offiziellen chinesischen Angaben gibt es in Xinjiang zurzeit insgesamt 47 ethnische Gruppen, darunter haben 12 Gruppen mehr als 10.000 Angehörige. Bezogen auf die gesamte Volksrepublik leben einige von insgesamt 56 ethnischen Bevölkerungsgruppen Chinas mit über 90 % ihres Volkes in der AR Xinjiang. Dies sind: Uiguren, Kasachen, Tataren, Tadschiken, Kirgisen, Usbeken, Russen, Sibo und Dongxiang (Daur) (vgl. Tab. 2) (vgl. GRPB, 2002).
In Xinjiang leben die verschiedenen Volksgruppen in ethnisch gemischten Gebieten miteinander. Ihre Verteilung weist jedoch klare räumliche Konzentration auf. Dies wurde vor allem durch die ethnische Belange berücksichtigende administrative Untergliederung Xinjiangs in weitere autonome Verwaltungseinheiten befördert, nämlich in Autonome Bezirke und Autonome Kreise, die sich jeweils auf bestimmte Ethnien beziehen. So leben die Kasachen konzentriert im Autonomen Bezirk Ili und im Autonomen Kreis Mori und Barköl, die Hui-Chinesen (Dunganen) im Autonomen Bezirk Changji und im Autonomen Kreis Yanji, die Mongolen im Autonomen Bezirk Bayingolin und Bortala sowie im Autonomen Kreis Hobuksar, die Kirgisen im Autonomen Bezirk Kizilsu und Tadschiken im Autonomen Kreis Tashkorgan. Die räumliche Verteilung der Volksgruppen ist eng verbunden mit den unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen Nord- und Süd-Xinjiangs (vgl. Tab. 3):
Tabelle 2 : Ethnische Struktur von Xinjiang (Stand: 2000)
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Quelle: Statistische Daten der Nationalitäten von Volkszählung 2000 Chinas (vgl. GRPB 2002).
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Quelle : Statistische Daten der Nationalitäten von Volkszählung 2000 Chinas. Diese Abbildung schließt nicht militärisches Personal und ihre Familien sowie die vielen nicht registrierten Gastarbeiter mit ein.
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Quelle : Eigene Berechnung nach statistischen Daten der Nationalitäten von Volkszählung 2000 Chinas (2002).
*Anteil an der Gesamtbevölkerung. Der Anteil der uigurischen Bevölkerung an der nationalen Minderheiten beträgt insgesamt in China 7,9 % und in Xinjiang 76,1 %.
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Neben den Han-Chinesen, die 91,6 % der gesamtchinesischen Bevölkerung ausmachen, sind in Xinjiang vor allem die türksprachigen Uiguren. Mit mehr als 8 Millionen sind die Uiguren nicht nur die größte ethnische Gruppe sondern auch die größte Bevölkerungsgruppe. Sie stellen 45,2 % der Bevölkerung von Xinjiang. Allein in Xinjiang leben 99,4 % aller Uiguren Chinas (vgl. Tab. 4). Neben Tibet, der Inneren Mongolei, Guangxi und Ningxia hat die chinesische Regierung Xinjiang den Status einer "Autonomen Region der Uiguren" zugebilligt. Neben Tibet ist Xinjiang die einzige Region in China, in der Han-Chinesen nicht in der Mehrheit sind.
Multikulturalität bezeichnet die Anwesenheit verschiedener kulturelle Nationalitäten innerhalb eines Landes (Region) in einer historisch entstandenen Situation. Die Vielfalt der Lebensstile und -formen wird als soziale Normalität begriffen. Eine unter diesen Bedingungen gewachsenen multikulturelle Gesellschaft setzt die intensive Kommunikation zwischen den verschiedenen Kulturen im Land bzw. die Berücksichtigung der ethnischen und kulturellen Unterschiede und die Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit aller Bürger im wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Leben voraus (vgl. AUERNHEIMER, 1990; RADTKE, 1993). Die meisten Nationalitäten in Xinjiang haben ihre eigene Sprache und Kultur. Teilweise wird eine Sprache von mehreren Nationalitäten gemeinsam gesprochen, z. B. das Chinesisch wird noch von Hui (Dunganen) gesprochen. Amtliche Hauptsprachen sind Uigurisch und Chinesisch. Darüber hinaus sind Kasachisch, Mongolisch, Kirgisisch sowie Sibosisch im Gebrauch.
Der Tianshan (Tängri-Tagh) bildet eine geographische Grenze der unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen zwischen Nord- und Süd-Xinjiang. Gleichzeitig ist er jedoch auch eine kulturelle Grenze zwischen dem nomadischen Steppenraum im Norden und dem Tarim-Becken im Süden mit seinen Oasenkulturen. Zwei Drittel der Nicht-Han-Chinesen leben in Süd-Xinjiang. In den Bezirken Kashgar und Hotan liegt der Bevölkerungsanteil der Nicht-Han-Chinesen sogar bei über 90 % (vgl. GRPB, 2002). In Nord-Xinjiang, der durch eine höhere Industrialisierung gekennzeichnet ist, bilden heute Han-Chinesen in den Städten und Kreisen eine Bevölkerungsmehrheit. Auch in Aksu und Korla (in Süd-Xinjiang) sind Han-Chinesen stark vertreten. Dagegen befinden sich im Norden, in der Oase Khumul (Hami) und im Ili-Tal, nahe der kasachischen Grenze, weitere uigurische Siedlungen (vgl. Kap. 2.3.5).
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Tadschiken, Kirgisen und Mongolen schließlich leben in den gebirgigen Randzonen nördlich und westlich des Tarim-Beckens. So leben die halbnomadischen Völker Xinjiangs, die Kasachen, Kirgisen, Mongolen, Teile der Uiguren und der Tadschiken sowie eine kleine Gruppe von Tataren in der Dschungarei, während Bauernvölker, wie z. B. die Mehrheit der Uiguren oder Sibo, in Oasen im Süden der Region leben (vgl. GRPB, 2002). Die meisten Ethnien Xinjiangs sind Muslime. Die Uiguren, Kasachen, Kirgisen, Usbeken und Tataren gehören zu den türksprachigen Völkern und alle bekennen sich zum Islam. Sie sind sunnitische Muslime. Eine Ausnahme unter den Muslimen Xinjiangs bilden zum einen die Tadschiken, die schiitische Muslime sind, zum anderen Hui, die als „chinesische“ Muslime keine eigene Sprache haben und nur über ihre Religion als eigenes Ethos definiert sind. Entsprechend sind die meisten Einwohner Xinjiangs Muslime.
Alle 10 muslimischen Volksgruppen der VR China sind in Xinjiang präsent. Nach den Jahren religiöser Unterdrückung während der Kulturrevolution gibt es in Xinjiang heute wieder mehr als 23.000 Moscheen (vgl. MA, 2001; LI, 2004). Daher sind typische multikulturelle Merkmale in Xinjiang sehr augenscheinlich. Es gibt in Xinjiang wie in nahezu allen modernen Gesellschaften eine selbstverständliche Alltagsnormalität eines multiethnischen und multikulturellen Zusammenlebens. Gleichzeitig bestehen nicht nur die üblichen Probleme des räumlichen Miteinanders von Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen und mit divergierenden Lebensvorstellungen, sondern auch zum Teil massive Vorbehalte, Ängste und Abwehrhaltungen gegenüber Menschen anderen Aussehens, aus anderen Kulturkreisen und anderen Glaubens, z.B. gegenüber der schnell wachsenden Han-Bevölkerung.
Die elektronischen Medien Xinjiangs gehen auf das Gründungsjahr des VR Chinas 1949 zurück. Der am 21.12.1949 in Urumqi gegründete Volksradiosender Xinjiangs hat von Anfang an Programme in Chinesisch und Uigurisch abwechselnd zweisprachig gesendet. Aber die tägliche Sendezeit betrug nur bis zu 3 Stunden. In den 60er Jahren wurden 4 Sender auf Kurz- und Mittelwelle eingerichtet. Erst nach der Gründung des Fernsehsenders in Xinjiang Ende 1970 hat sich das Medium weiter ausgebreitet und sendete uigurische, chinesische, kasachische, mongolische, kirgisische und sibosprachige Programme. Bis Ende 1999 entstanden so in ganz Xinjiang 39 Radiosender auf Kurz- und Mittelwelle. Die Dauer aller Programme aller Radiostationen betrug 536 Stunden, davon entfielen allein 51 Stunden auf die Volksradiosender Xinjiang. Bis zum Jahr 2001 haben alle 87 Städte und Kreise in Xinjiang eigene Radiostationen zur Verfügung. Das Radio hat mehr als 91 % der Bevölkerung erreicht (vgl. JIN et al. 2000, S. 237-239; LIU, 2004; LI, 2004, S. 226).
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Der Fernsehsender Xinjiangs (abgekürzt XJTV) ist ein wichtigstes Nachrichten und Unterhaltungsmedium in der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang. Das Fernsehen etablierte sich in Xinjiang zwar erst spät, aber es verzeichnete eine schnelle Entwicklung. XJTV wurde am 01.10.1970 in Urumqi gegründet und sendet erfolgreich auf einem Kanal abwechselnd chinesische und uigurische Programme. Die Programme wurden dann sukzessiv ausgebaut. Seit Februar 1977 sendet XJTV auch vom Zentralen Chinesischen Fernsehen übernommene Programme. Mit der Einführung des Farbfernsehens im Juni 1982 startete der Fernsehsender Xinjiangs eine neue Entwicklung: Erstmals wurden uigurische und chinesische Programme getrennt in zwei Kanäle ausgestrahlt. Dies führte zu einer Vermehrung des Programmangebotes. Seit September 1985 sendet XJTV erstmals sein kasachisches Programm. Nach 1986 hat XJTV begonnen, seine Programme auch über Satellit zu senden (vgl. YIXILAMU, 2002, S. 97-99; LIU, 2004; HUANG, 2006, S. 82-83).
Abgesehen von XJTV gab es bis Ende 1999 bereits 19 Fernsehanstalten auf der Bezirksebene in ganz Xinjiang und sie sendeten ihre Programme nach den örtlichen Verhältnissen in fünf Sprachen (Uigurisch, Chinesisch, Kasachisch, Mongolisch und Kirgisisch). 2001 versorgten 822 Übertragungsstationen knapp 91 % der gesamten Bevölkerung Xinjiangs mit Fernsehprogrammen. Alle Fernsehanstalten zusammen sendeten 63 Fernsehprogramme und die tägliche Sendezeit lag im Durchschnitt bei 415 Stunden (vgl. LIU, 2004; LI, 2004, S. 226). XJTV hat momentan 12 Kanäle zur Verfügung, die hauptsächlich in Xinjiang aber teilweise auch in anderen Provinzen empfangbar sind. Seit einigen Jahren bemüht sich die chinesische Regierung um eine weitere Verbreitung des Fernsehens, bis hin zu den abgelegenen Dörfern. So lässt sich zusammenfassend feststellen, dass sich in den letzten beiden Jahrzehnten nicht nur die Kommunikationsstrukturen, sondern auch die Medienangebote und die Mediennutzung verändert haben. Printmedien sind in Xinjiang schon längst nicht mehr die Leitmedien, audiovisuelle und digitale Medien werden zunehmend und zeitintensiver genutzt.
Seit Ende der 80er Jahre hat sich die uigurische Medienlandschaft dank der rapiden Entwicklung der chinesischen Medienlandschaft ebenso stark verändert. Mittlerweile gibt es elektronische Medien von und für Uiguren, die Sendungen für Uiguren herstellen. In den 80er und 90er Jahren hatte sich in kleinem Rahmen in Xinjiang ein uigurischer Kinomarkt mit uigurischen Filmen entwickelt. In den 90er Jahren trat das uigurische Kino wegen fehlender Entwicklungschance (z. B. finanzielle Mittel) wieder in den Hintergrund. Im Vergleich dazu gewannen die Fernsehgeräte nach 80er Jahre, also seit Beginn der uigurischsprachigen Fernsehprogramme in Xinjiang, in uigurischen Haushalten zunehmend an Beliebtheit.
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