Der Melier-Dialog des Thukydides gilt als eine der einflussreichsten Passagen der politischen Ideengeschichte und als erste paradigmatische Darstellung des „Primats der Macht“ im zwischenstaatlichen Verkehr. Während die aktuelle Politikwissenschaft den Dialog meist systematisch rezipiert, nimmt dieser Beitrag eine „unzeitgemäße“, d. i. kontextsensitiv-ideengeschichtliche, Perspektive ein. Thukydides wird aus seiner Zeit für seine Zeit begriffen. In der methodischen Tradition von Q. Skinner (Cambridge School) wird der Text dafür als zeitspezifischer Sprechakte interpretiert, als ein Debattenbeitrag neben anderen innerhalb der intellektuellen Auseinandersetzungen mit der attischen Sophistik. Die Leitthese lautet hierbei, dass Thukydides im Melier-Dialog eine implizite Kritik am sophistisch geprägten Machtdenken der athenischen Politik formuliert. Erstens wird dazu gezeigt, dass die Argumentation der athenischen Gesandten strukturell den sophistischen Lehren des „Rechts des Stärkeren“ entspricht, wie sie sich bei Kallikles und Thrasymachos im Werk Platons vorfinden lassen. Zweitens wird eine ‚wahrscheinliche Interpretation‘ der thukydideischen Intention und Positionierung herausgearbeitet, die sich der Form- und Stilanalyse des Gesamtwerkes bedient. ‚Wahrscheinlich‘ muss diese insofern bleiben, als das hermeneutische Zugriffsschwierigkeiten auf den Text wie auch das „hörbaren Schweigens“ (W. Schadewaldt) des Thukydides kein abschließendes Urteil zulassen. Drittens wird der Dialog in die breitere zeitgenössische Kritik an der Sophistik eingebettet, wofür vergleichend der Blick auf Aristophanes, Isokrates und Platon geworfen wird. Damit zeigt sich abschließend, dass Thukydides’ Eigentümlichkeit weniger im Inhalt seiner Kritik liegt, sondern in ihrer historiographischen Form: Nur er veranschaulicht das Scheitern des sophistischen Machtdenkens als historische Politikpraxis und weist ihm eine Mitverantwortung an der athenischen Niederlage von 404 v. Chr. zu.