Die chinesische Methode : zur Anpassung autokratischer Legitimation in Krisenzeiten

Autokratische Regime sind ein politikwissenschaftliches Kuriosum. Für den Großteil der Politikwissenschaftler, die in demokratischen Staaten leben und arbeiten, sind Autokratien von vornherein etwas Externes, Fremdartiges und – wenn man sich zum demokratischen Ziel der Politikwissenschaft bekennt – sogar ein Systemfeind. Zu der praktischen Distanz, die der oft physisch beschränkte Zugang zu den Interna der Autokratie mit sich bringt, kommt also noch eine ideelle Distanz hinzu. Zusammen fördert dies jenen Umstand, den Johannes Gerschewski und seine Kollegen als „demokratisches Vorurteil“1 bezeichneten. Diese Formulierung als Vorurteil statt z.B. Fokus oder Interesse ist dabei treffend gewählt. Denn das Problem, das Gerschewski und Kollegen ansprechen, ist nicht ausschließlich eine mangelnde Beschäftigung mit der Autokratie, sondern primär deren weitgehende Fehleinschätzung v.a. im späten 20. Jahrhundert. Konkret gemeint ist hier das lange weit verbreitete Postulat einer „endogene[n] Instabilität“ 2autokratischer Regime, die sie auf lange Sicht zu einem Systemwechsel hin zur Demokratie veranlagen würde. Diese Annahme hatte mehrere Ursprünge, doch sie basierte v.a. auf einem vermeintlichen Legitimationsdefizit, das divers begründet wurde. Normative Theorien sahen Autokratien als ‚schlechte‘ Ordnung, die per se keine Legitimität besitzen könnten. A3ndere Autoren, wie Richard Saage sahen das Problem spezifischer in vermeintlich inhärenten Schwächen der autokratischen Staatsform. So würden ein beschränkter Machtzugang und die dafür notwendige Repression unweigerlich die Legitimations-, Regenerations- und Performanz-fähigkeit eines Regimes behindern. Sogar der positiven Performanz wurde in Seymour Martin Lipsets Modernisierungstheorie eine demokratisierende Wirkung zugeschrieben. 

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