Das Grauenhafte des bloß Schematischen : Franz Kafkas Ästhetik des Durchschnitts

Die in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts entstandene (Denk)figur des ‚Durchschnittsmenschen‘ diente als zentrale Bezugsgröße, sobald es darum ging, den Menschen als soziales Wesen und die Gesellschaft als komplexe Assoziationsform auf statistisch-probabilistische Weise  zu erfassen und zu objektivieren. Der homme moyen (Quételet) markierte einen epistemischen Wandel und ermöglichte neue Formen und Modalitäten bei der Verwaltung des Lebens und Lebendigen. Unter diesen Vorzeichen gab sich der Mensch nicht mehr als solcher, sondern nur noch innerhalb des Gravitationsfelds der Macht, ihrer Steuerungs- und Erfassungsverfahren, ihrer Institutionen und diskursiven Prägung zu erkennen. An die Stelle überkommener und anthropozentrischer Vorstellung vom Menschen als Individuum und selbstbestimmtes Subjekt trat eine numerische Abbreviatur und abstrakte Figur.

Die vorliegende Studie untersucht, inwiefern Franz Kafkas literarisches Schreiben diese Umbrüche registriert und damit zur Formierung einer neuen Ästhetik (nämlich der des Durchschnittsmenschen) beigetragen hat. Dabei liegt der Fokus auf seinen früheren Arbeiten, etwa dem Romanfragment Der Verschollene, der Erzählung Der Heizer sowie Die Verwandlung und einigen Texten aus dem Umfeld des Sammelbandes Ein Landarzt.

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