@PhdThesis{dbt_mods_00040428, author = {Swoboda, Wilfried}, title = {Immergenz: Immersion im didaktischen Spiegel.}, year = {2019}, address = {Jena}, keywords = {Immersion}, abstract = {Auf einer aus dem Jahr 480 v. Chr. stammenden Halsamphore1 der „Brygos-Maler`` wird ein dem Klang der Kithara (einer gro{\ss}en Konzert-Lyra) zuh{\"o}render und scheinbar das Publikum repr{\"a}sentie-render J{\"u}ngling dargestellt. Er nimmt dabei eine Pose der Versunkenheit ein: Diese Geb{\"a}rde zeigt den Kopf mit der Stirn in die eine Hand gelegt und den abw{\"a}rts gerichteten Blick, die Finger liegen leicht am vorgebeugten Kopf an. Diese Pose der Selbstvergessenheit ist sowohl Ausdrucksmotiv in Musikszenerien des fr{\"u}hen 5. Jahrhunderts v. Chr. als auch f{\"u}r {\"u}ber ihr Schicksal gr{\"u}belnde Men-schen kennzeichnend (Neumann, 1965, S. 145). F{\"u}r den J{\"u}ngling auf der Halsamphore bedeutet Selbstvergessenheit einen immersiven Bezug mit anderen (akustischen) ‚Objektheiten` herzustel-len, seine Versunkenheit zeigt aber auch, dass der Vorgang der Immersion keine Neuentdeckung ist. Immersion fand bislang in seiner Ph{\"a}nomenologie eines Weges in die Versunkenheit keine Be-leuchtung f{\"u}r ein nach innen gerichtetes, „einlassendes`` (Seel, 2004, S. 55) Denken. Peter Sloterdijk beschreibt die Immersion als ein zur Umgebung entgrenztes „Entrahmungsverfahren f{\"u}r Bilder und Anblicke`` (Sloterdijk, 2006, S. 105). Im Englischen steht ‚to immerse' dem Verb ‚to absorb' nahe und hat folgende Umschreibung: „concentrating on one course of instruction, subject, or project to the exclusion of all others for several days or weeks; intensive'' (Immersion, 2016). Dieses hochkon-zentrierte mentale Einlassen f{\"u}r einen bestimmten Zeitraum findet sich in Beispielen aus der Philo-sophie, Soziologie, Psychologie, den Erziehungswissenschaften, der Theologie, den Naturwissen-schaften und der Kunst wieder. Im p{\"a}dagogischen Konnex steht der Begriff Immersion einerseits f{\"u}r ein didaktisches Konzept zum Fremdspracherwerb (Stebler, 2010, S. 21) und andererseits f{\"u}r Lernprozesse mit Computerspielunterst{\"u}tzung (Bopp, 2005, S. 1). Der systematische Einbau von mentaler Immersion, im Sinne von Entrahmungsprozessen, in den Unterricht erweist sich als eine L{\"u}cke in bestehenden didaktischen Ans{\"a}tzen. Einen Entrah-mungsprozess einzugehen hei{\ss}t, sich auf etwas Anderes einzulassen. Ein Einlassen bedeutet sich der {\"O}ffnung hinzugeben. Die Hingebung endet in der Hinwendung zur M{\"o}glichkeit und Kontingenz. Wer einen Text verstehen will, muss nach Gadamer bereit sein, sich von ihm etwas sagen zu lassen und f{\"u}r die Andersheit des Textes von vornherein empf{\"a}nglich zu sein (Gadamer, 1990, S. 273). Dieses Potenzial birgt einen Unterricht, ein Denken, welches immersive Ausrichtung hat, von Im-mergenz gepr{\"a}gt ist. Der Philosoph Heinrich Rombach bemerkt eine zunehmende Verunsicherung des Menschen einerseits durch den erh{\"o}hten Konkurrenzdruck und den Entfremdungscharakter von Arbeit andererseits durch eine Sinnleere und Unerf{\"u}lltheit {\"u}ber zunehmende Unterhaltungs- 1 Halsamphore aus dem Museum of Fine Arts, Boston, USA. Abbildung unter: http://mfas3.s3.amazonaws.com/objects/SC65577.jpg [Zugriff: 10.02.2017] - 9 - angebote der Freizeit (Rombach, 1980, S. 42). Er stellt dies als ein „Gesamtsyndrom von gef{\"a}hrli-chen Wirkungen`` (ebd.) fest, welches die Gesellschaft als Quelle seiner eigenen Bedr{\"a}ngnis und Bedrohung identifiziere (ebd.). Das immersive Einlassen auf Situationen, auf Denkanspr{\"u}che oder auf Problemstellungen bedeutet ein sinnerf{\"u}lltes Hingeben an diesen Moment, schafft durch eine Verschiebung von Wirk-lichkeiten andere Welt- und Zeitdimensionen. Eine immergente Mentalschulung findet au{\ss}erhalb von kompetitiven Richtlinien statt, umgeht somit den erh{\"o}hten Konkurrenzdruck und schafft durch attentionale Objektbez{\"u}glichkeit neue Sinnbez{\"u}ge und unterl{\"a}uft den von Rombach indizierten Entfremdungscharakter. Die vorliegende Arbeit soll die Basis f{\"u}r eine erweiterte didaktische Aus-richtung auf den M{\"o}glichkeitsraum des Denkens bilden. Sie kann den Wert auf ein anderes, vertief-tes sygnostisches Denken lenken, das au{\ss}erhalb von herk{\"o}mmlicher, ‚nutzbarer` Messbarkeit liegt. Immergentes Lernen bietet den Lernenden neben dem Notwendigen die M{\"o}glichkeit zum Erlernen des Vision{\"a}ren au{\ss}erhalb von kompetitiven Settings. Ziel der Untersuchung ist es {\"u}ber eine Eingrenzung des Begriffs Immersion eine didaktisch anwendbare Version des vertiefenden, immergenten Mentalprozesses zu schaffen, um daraus Pa-rameter f{\"u}r einen didaktischen Ansatz der Immergenz zu skizzieren. Folgende Fragestellungen liegen zur Umsetzung vor: 1. In welchen Bereichen ist die Immersion aus philosophischer, psychologischer, k{\"u}nstlerischer Sicht verankert und welche Aspekte k{\"o}nnen definiert werden? 2. Wie reflektiert diese Defintion auf den bildungstheoretischen Bereich, welche immergenten Rahmenbedingungen gilt daf{\"u}r es festzuhalten? Die Sammlung „The creative process. A Symposium.`` von Ghiselin beinhaltet Aussagen rund um den kreativen Schaffensprozess und bildet die Grundlage, die Initialerhebung der Untersu-chung. Aus der Clusterung der Aussagen ergeben sich f{\"u}nf Hauptfelder, f{\"u}nf Str{\"a}nge der Immersion, welche Aspekten der Philosophie, Psychologie und P{\"a}dagogik in einer diachronen Erkundungstour gegen{\"u}bergestellt werden. Auf diesen Str{\"a}ngen basierend entwickeln sich Sto{\ss}richtungen f{\"u}r die Nachforschung, deren Quellen sich von einem Punkt ausgehend kumulativ in ein Spannungsfeld erweitern. Die Arbeit erh{\"a}lt durch die wie am eing{\"a}nglichen Kithara-Beispiel aufgezeigte historische Verortung seiner Thematik sowie {\"u}ber das philosophisch-rationale Spannungsfeld hermeneuti-schen Methodenansatz. Sie gliedert sich in zwei Teile: Im ersten wird gest{\"u}tzt auf der Initialerhe-bung die Immersion aus philosophischer, psychologischer und naturwissenschaftlicher Sicht unter-sucht und ein Gesamtbild, die Modellbildung, geschaffen. Im zweiten Teil wird die Theorie auf einen p{\"a}dagogischen Fokus gebracht und Ans{\"a}tze der Immergenz auf ein m{\"o}gliches Bildungsmodell for-muliert.}, note = {Dissertation, Friedrich-Schiller-Universit{\"a}t Jena, 2019}, doi = {10.22032/dbt.40428}, url = {https://www.db-thueringen.de/receive/dbt_mods_00040428}, url = {http://uri.gbv.de/document/gvk:ppn:1687303266}, url = {https://doi.org/10.22032/dbt.40428}, file = {:https://www.db-thueringen.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dbt_derivate_00046323/dissswoboda.pdf:PDF}, language = {de} }