Inzidenz und Risikofaktoren akzidentieller, perioperativer Hypothermie am Universitätsklinikum Jena : eine prospektive Kohortenstudie

Evstigneeva, Aljona GND

Innerhalb der letzten Jahre wurden viele neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der Thermoregulation in der Anästhesie gemacht. Allerdings ist die intraoperative Temperaturmessung noch immer kein Standard in Europa und nicht vollständig in das Bewusstsein des medizinischen Personals gelangt. Die durchschnittliche Körpertemperatur des Menschen beträgt 37,0°C und wird durch den Hypothalamus, ein zentrales Steuerorgan, in engen Grenzen von 0,2-0,3°C konstant gehalten. Gegenregulatorische Maßnahmen wie Muskelzittern, Vasokonstriktion, Schwitzen und Vasodilatation stehen dem Organismus für die Homöostase zur Verfügung. Eine Hypothermie tritt definitionsgemäß bei einer Körperkerntemperatur von unter 36,0°C auf. Intraoperativ ist der physiologische Wärmehaushalt stark verändert. Die Wärmeproduktion ist vermindert, während es durch pharmakologische Einflüsse zu Vasodilatation, Verminderung des Kältezitterns und Störung der zentralen Autoregulation und damit zu erhöhten Wärmeverlusten kommt. Dies führt zum kontinuierlichen Absinken der Körperkerntemperatur während der ersten vier Stunden in Narkose. Dabei greifen, wenn auch in verschiedenem Maße, sowohl Allgemein- als auch Regionalanästhesie in die Homöostase ein. Intraoperative Hypothermie geht mit verschiedenen postoperativen Risiken und Komplikationen einher. Unter anderem konnte gezeigt werden, dass es durch perioperative Unterkühlung zu erhöhten Blutverlusten mit gesteigerten Transfusionsraten, einer erhöhten Rate an postoperativen Wundinfektionen, kardiovaskulären Ereignissen wie Myokardinfarkten und Rhythmusstörungen, Gerinnungsstörungen, thermalem Dyskomfort und Shivering kommt. Die vorliegende Arbeit hat die Inzidenz und Risikofaktoren der perioperativen, akzidentiellen Hypothermie an 302 Fällen am Universitätsklinikum Jena untersucht. Alle notwendigen Daten wurden in einem Fallerhebungsbogen erfasst und mit dem Statistikprogramm SPSS ausgewertet. Die Gesamtinzidenz der perioperativen Hypothermie betrug 32,8%. Dabei gab es keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich des Geschlechts, des Alters und des Body-Mass-Index. Seitens der Patientenmerkmale konnten eine ASA-Klassifikation von größer I und eine niedrige Körperkerntemperatur ≤36,4°C beim Einschleusen in den Operationstrakt als Risikofaktoren identifiziert werden. Auch bestimmte Anästhesiebedingungen hatten einen signifikanten Einfluss auf die Entstehung einer Hypothermie. Die Kombination von Allgemein- und Regionalanästhesie ging signifikant häufiger mit einer Hypothermie einher. Ob die Allgemeinanästhesie mit volatilen oder intravenösen Anästhetika geführt wurde, spielte hierbei keine Rolle. Die Wahl von aktiven oder passiven Wärmemaßnahmen hatte keinen signifikanten Einfluss. Weiterhin gingen eine lange OP-Dauer, Eingriffe in der Herz- und Thoraxchirurgie, Thorakotomien, eine niedrige Saaltemperatur zum Schnitt und zur Naht und eine längere Dauer des Zeitraumes von Anästhesiefreigabe bis zum Schnitt mit einem erhöhten Risiko für intraoperative Auskühlung einher. Diese Ergebnisse stehen im Wesentlichen im Einklang mit Studien anderer Autoren. In klinischen Setting sollte das Risikoprofil für die Enstehung einer Hypothermie bekannt sein, um geeignete Maßnahmen ergreifen zu können. Ein intraoperatives Temperaturmonitoring ist bei Eingriffen, die länger als 30 Minuten dauern, unabdingbar. Patienten sollten spätestens zum Zeitpunkt des Einschleusen einem adäquaten Wärmemanagement zugeführt werden. Eine präoperative, 30- bis 60-minütige aktive Erwärmung mittels Forced-Air-Warming (Warm Touch, Bair Hugger), die bereits vor dem Einschleusen in den Operationstrakt erfolgen kann, wird empfohlen. Sie sollte intraoperativ bei Eingriffen, die länger als 30 Minuten dauern, fortgeführt werden.

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Evstigneeva, Aljona: Inzidenz und Risikofaktoren akzidentieller, perioperativer Hypothermie am Universitätsklinikum Jena. eine prospektive Kohortenstudie. Jena 2019.

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