Satzbehalten in einer Zweitsprache : Anteile automatisierter und kontrollierter Verarbeitung

Kuhn, Sandra

Die Aufgabe "Sätze nachsprechen" wird in verschiedenen Sprachtests für Kinder im Vorschulalter verwendet, teilweise (z.B. bei der Sprachstandserhebung Delfin 4 in NRW) auch mit Kindern mit Deutsch als Zweitsprache. Jedoch gibt es Hinweise darauf, dass die Sprachverarbeitung von Sprechern einer Zweitsprache weniger automatisiert verläuft als in einer Muttersprache, auch wenn die Zweitsprachler diese auf muttersprachlichem Niveau (fließend und akzentfrei) beherrschen und bereits in frühem Alter erworben haben. Diese Unterschiede in der Verarbeitung wirken sich auf die Leistung in der Satzwiedergabe aus. In drei Studien mit Kindern im Vorschulalter, Schülern und jungen Erwachsenen mit Deutsch als Muttersprache bzw. Zweitsprache kann in dieser Arbeit in Zusammenhang zwischen dem Sprachstatus (Muttersprache, Zweitsprache) und der Leistung in der Satzwiedergabe aufgezeigt werden. Dieser Leistungsunterschied wird in dieser Arbeit nicht in gleicher Form in anderen Maßen der Sprachkompetenz gefunden werden. Der Unterschied wird daher als ein systematischer Nachteil für Zweitsprachler in der Bewertung ihrer Sprachkompetenz durch die Aufgabe "Sätze nachsprechen" gedeutet. Die Betonung der Automatisierungunterschiede wird auf die hohe Belastung des Arbeitsgedächtnisses während der Aufgabe zurückgeführt. Daher wird im zweiten Teil der Arbeit getestet, ob die inhaltliche (statt der wörtlichen) Wiedergabe der Sätze eine geringere Belastung mit sich bringt. Dies kann in Studie 4 für Muttersprachler gezeigt werden. Jedoch führt auch die Beschränkung der Anforderung auf das inhaltliche Wiedergeben des Satzes nicht zu einer Angleichung der Wiedegabeleistung der Muttersprachler und Zweitsprachler mit ansonsten vergleichbarer Sprachkompetenz. Es wird auf Grundlage der Ergebnisse dieser Arbeit davon abgeraten, die Aufgabe "Sätze wiederholen" als Indikator der Sprachkompetenz für Sprecher einer Zweitsprache zu verwenden.

Verbatim sentence repetition is a paradigm widely used to test the language competence of adult and child L1 and L2 speakers. The task is seemingly well suited for the purpose since it involves both comprehension and production of sentences. It is argued that a good knowledge of syntax is required to perform well, since the sentences contain more words than can be held in short term memory. However, from prior work on working memory and sentence recall it is known that attentional demands and the automaticity of sentence processing strongly influence performance in this task. Also, there is empirical evidence indicating that sentence processing may be less automatized (at least at some levels) even in highly proficient L2 speakers (near-natives) than it is in L1 speakers. The empirical evidence is supported by current theories which model sentence recall as a combination of sentence comprehension and production, relying on limited attentional resources. More attentional resources are needed for sentence recall if sentence processing is automatized to a lesser degree. This results in a lower performance at this task due to the lower automaticity of sentence processing, even if language competence is native-like. Therefore, this task seems not suited to compare native's and near-native's language competence. The ability of near-natives may be systematically underestimated by this task. It is argued that what is measured with sentence repetition tests is not determined by language ability alone, but determined by the degree of automaticity of sentence processing. Studies 1-3 tested adult and child groups of native and near-native speakers of German with the tasks sentence repetition (auditory and visual presentation) and alternative tests of language competence, assessing language ability. Near-natives performed significantly lower in sentence recall than natives. These findings have strong implications for models of L2-sentence processing and verbal working memory, as well as for language testing.

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Kuhn, Sandra: Satzbehalten in einer Zweitsprache. Anteile automatisierter und kontrollierter Verarbeitung. 2012.

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