Sind positiver und negativer Affekt das Gegenteil oder unabhängig voneinander?

Kaufmann, Martina

Abstract In the literature there is a longstanding discussion as to whether positive and negative feelings vary oppositionally or independently as well as whether a bipolar or unipolar model of the structure of affect fits better. Empirical evidence exists for both positions. Recent theoretical developments attempt to integrate the competing models. Such integrative approaches no longer address the question of whether the structure of affect is bipolar or unipolar, but rather under what conditions positive and negative affect tend to a bipolar or to a unipolar structure, respectively. It is assumed that the structure of affect converges to a bipolar continuum dependent on the affect scales used and / or the characteristics of the emotions measured. Specifically, it is assumed that under the condition that semantically correlated (vs. uncorrelated) scales are used and / or global, conscious or intense affects are captured, a bipolar structure of emotions can be found. These assumptions provide a partial explanation of the contradictory empirical findings. However, there are still questions to be answered. In this work, an alternative integrative approach is proposed. This approach relates the structure of affect to the origins of emotions and attributes the affect structure to the characteristics of the affect causes. It claims that the structure of affect depends on whether a situation or environment speaks to both positive and negative affects or only one affect. Specifically, it is expected that the number and dimensionality of affect causes should increase the probability that both affect types are changed and a compensatory variation is observed (bipolarity). While a single affect cause dimension only affects one of the two affect qualities and, accordingly, produces a non-compensatory variation of affect (unipolarity), the literature suggests that the key causes of affect are personal value and personal controllability of the stimulus. It is assumed that the value of a stimulus is a two-dimensional affect cause that varies on the dimensions of positivity and negativity. Personal controllability, on the other hand, only ranges between the endpoints "no control" and "total control" and is thus characterized by only one dimension. If the proposed approach is correct, a change in both affect causes or at least in the stimulus valence (multi dimensions) should provoke a variation in both affects (hypothesis 1). A mere change of the personal stimulus controllability (one dimension) should lead exclusively to a change in one of the two affects, while the other remains unaffected (hypothesis 2). In order to test this approach, eight experiments were conducted. The subjects were to work on several computerized contingency learning tasks in which they caused a light to flash on the screen by pressing or not pressing a key. As independent variables, the monetary value of light onset and light offset (stimulus valence: gain vs. loss vs. neutral), and / or the contingency and frequency of light onset (stimulus controllability: low vs. high vs. not manipulated) were varied. As dependent variables, positive affect and negative affect were assessed on separate scales using the PANAS. Experiment 1 demonstrated that positive and negative affect vary as a function of stimulus valence and personal stimulus controllability. Furthermore, this experiment showed that the affects vary compensatory as well as non-compensatory. In Experiment 2 and 3, the effect of the factor stimulus valence was examined and a compensatory variation (bipolar structure) of the affects was found. Experiments 4 through 7 served to investigate the effect of personal stimulus controllability and consistently showed a non-compensatory, independent variation of affects (unipolar structure). Finally, experiment 8 demonstrated the effects, that is the compensatory and the non-compensatory variation of the affects, within the same individuals and showed that the structure of emotions does vary and that this variation can be traced back to the number and dimensionality of the present affect causes. This approach opens a theoretical framework for future studies on the structure of affect and offers an experimental paradigm by which affects can be induced in the lab (contingency learning paradigm).

In der Literatur wird diskutiert, ob positive und negative Gefühle gegensätzlich oder unabhängig voneinander variieren und ob ein bipolares Modell oder ein unipolares Modell die Struktur der Affekte besser beschreibt. Empirische Evidenz besteht für beide Positionen. Neuere theoretische Entwicklungen versuchen die konkurrierenden Modellvorstellungen zu integrieren. Diese integrativen Ansätze stellen nicht länger die Frage, ob die Struktur der Affekte bipolar oder unipolar ist, sondern unter welchen Bedingungen positiver und negativer Affekte zu einer bipolaren bzw. zu einer unipolaren Struktur tendieren. Es wird angenommen, dass die Affekte in Abhängigkeit der eingesetzten Affekt-Skalen und/oder in Abhängigkeit der Merkmale der gemessenen Affekte zu einem bipolaren Kontinuum konvergieren. Konkret wird angenommen, dass sich unter der Bedingung, dass semantisch korrelierte (vs. unkorrelierte) Skalen eingesetzt werden und/oder globale, bewusste oder intensive Affekte erfasst werden, eine bipolare Struktur der Affekte finden lässt. Diese Annahmen können die widersprüchliche Befundlage allerdings nicht vollständig aufklären. In dieser Arbeit wird ein alternativer integrativer Ansatz vorgeschlagen. Dieser Ansatz setzt die Struktur der Affekte zur Entstehung der Affekte in Beziehung und versucht, die Affektstruktur anhand der Merkmale der Affektursachen aufzuklären. Es wird behauptet, dass die Struktur der Affekte davon abhängt, ob eine Situation oder Umweltveränderung beide Affekte oder nur einen der beiden Affekte anspricht. Konkret wird erwartet, dass mit der Anzahl und Dimensionalität der Affektursachen die Wahrscheinlichkeit steigt, dass beide Affekte angesprochen werden und sich eine gegensätzliche Variation der Affekte (Bipolarität) einstellt, während eine einzelne Affektursachedimension immer nur einen der beiden Affekte anspricht und entsprechend eine nicht-gegensätzliche Variation der Affekte (Unipolarität) hervorbringen sollte. Aus der Literatur lässt sich ableiten, dass die zentralen Ursachen der Affekte die persönlichen Wertigkeit und die persönliche Kontrollierbarkeit eines Stimulus sind. Dabei wird angenommen, dass die Wertigkeit eines Stimulus eine zwei-dimensionale Affektursache darstellt, deren Ausprägung auf den Dimensionen Positivität und Negativität variieren kann, wohingegen die persönliche Kontrollierbarkeit nur zwischen den Endpunkten „keine Kontrolle“ und „totale Kontrolle“ rangieren kann und sich entsprechend nur durch eine Dimension auszeichnet. Ist der vorliegenden Ansatz korrekt, dann sollte eine Veränderung beider Affektursachen oder zumindest der Stimuluswertigkeit (Mehrdimensionalität) eine Variation beider Affekte provozieren (Hypothese 1). Während die bloße Veränderung der Stimuluskontrollierbarkeit (Eindimensionalität) ausschließlich zu einer Variation einer der beiden Affekte führen sollte, wohingegen der andere Affekt unbeeinflusst bleibt (Hypothese 2). Um den Ansatz zu prüfen, wurden acht Experimente durchgeführt. Die Probanden erhielten mehrere computergesteuerte Kontingenzlernaufgaben, in denen sie jeweils durch das Drücken oder Nichtdrücken einer Taste ein Licht am Bildschirm zum Aufleuchten bringen sollten. Als unabhängige Variablen wurde der Geldwert, der mit dem Aufleuchten und Nichtaufleuchten assoziiert war (Stimuluswertigkeit: Gewinn vs. Verlust vs. neutral) und/oder die Kontingenz und Häufigkeit des Aufleuchtens (Stimuluskontrollierbarkeit: gering vs. hoch vs. konstant) variiert. Als abhängige Variablen wurden positiver Affekt und negativer Affekt mittels der separaten Skalen des PANAS gemessen. Experiment 1 demonstriert, dass positiver und negativer Affekt in Abhängigkeit der persönlichen Stimuluswertigkeit und Stimuluskontrollierbarkeit variieren. Weiterhin zeigte dieses Experiment, dass die Affekte dabei sowohl gegensätzlich als auch nicht gegensätzlich variieren können. In Experiment 2 und 3 wurde der Effekt des Faktors Stimuluswertigkeit geprüft und eine gegensätzliche Variation der Affekte (Bipolarität) gefunden. Die Experimente 4 bis 7 dienten dazu, den Effekt der persönlichen Stimuluskontrollierbarkeit zu untersuchen und ergaben konsistent eine nicht-gegensätzliche, unabhängige Variation der Affekte (Unipolarität). Experiment 8 demonstrierte die Effekte, dass heißt die gegensätzliche und nicht-gegensätzliche Variation der Affekte, innerhalb der gleichen Personen und zeigte damit, dass die Struktur der Affekte veränderlich ist und auf die Anzahl und Dimensionalität der präsenten Affektursachen zurückgeführt werden kann. Der vorliegende Ansatz eröffnet einen theoretischen Rahmen für die Untersuchung der Struktur der Affekte und zeigt ein methodisches Verfahren auf, mit welchem Affekte im Labor induziert werden können (Kontingenzlernaufgaben).

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Kaufmann, Martina: Sind positiver und negativer Affekt das Gegenteil oder unabhängig voneinander?. 2009.

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