Reduzierter Intergruppenbias nach individuellem Kontrollverlust : Folge einer Individualisierung?

Fankhänel, Thomas

In der vorliegenden Arbeit soll gezeigt werden, dass prozessbezogene Kontrolldeprivation eine Reduzierung des Intergruppenbias (IGB) bewirken kann. Als prozessbezogene Kontrolldeprivation wird die Wahrnehmung beeinträchtigter Kontrolle bei gleichzeitig unbeeinträchtigter Kontrollerwartung verstanden. Prozessbezogene Kontrolldeprivation wird dabei mit einer Individualisierung der Selbstkategorisierung in Verbindung gebracht, aus der heraus eine IGB-Reduktion erklärt werden kann. Prozessbezogene Kontrolldeprivation sollte zu Individualisierung führen, wenn die Reflexion persönlicher Bewältigungsmöglichkeiten die Wiederherstellung der Kontrolle unterstützt (Lazarus & Folkman, 1984). Ausgangspunkt der vorgelegten Arbeit sind zwei Befunde der Forschung zur erlernten Hilflosigkeit (Kuhl, 1981; Mikulincer, Kedem & Zilkha-Segal, 1989). Danach bewirkt Kontrollverlust erhöhten Selbstbezug. So wurde bspw. gezeigt, dass sich Personen nach Kontrollverlust stärker mit ihren Emotionen beschäftigen. Im Unterschied zu erlernter Hilflosigkeit wird prozessbezogene Kontrolldeprivation durch die Aufrechterhaltung der Kontrollerwartung charakterisiert. Erhöhter Selbstbezug lässt sich in diesem Fall aus der Erhöhung der Kontrollmotivation ableiten (oder Reaktanz; Brehm & Brehm, 1981), die im Interesse der Kontrollrestauration einen kontrollierten Einsatz personaler Bewältigungsmöglichkeiten nahelegen dürfte. Die Reflexion persönlicher Bewältigungsmöglichkeiten sollte die Salienz individueller Selbstkonzeptinhalte erhöhen. Laut Theorie der Selbstkategorisierung (Turner, Hogg, Oakes, Reicher & Wetherell, 1987) führt die Salienzerhöhung individueller Selbstkategorisierung zu IGB- Reduktion aufgrund der Distanzierung von der Eigengruppe. Einen entsprechenden Befund zeigen Gaertner, Mann, Murrell und Dovidio (1989). IGB-Reduktion wird somit als Folge der Auseinandersetzung mit personalen Bewältigungsmöglichkeiten angesehen. Zur Überprüfung der getroffenen Annahmen wurden vier computerbasierte Studien durchgeführt. Prozessbezogene Kontrolldeprivation wurde dabei über die Beeinträchtigung der Cursornavigation operationalisiert. Dabei konnte in drei Studien gezeigt werden, dass prozessbezogene Kontrolldeprivation IGB-Reduktion bewirkt. Studie 1 liefert zudem einen Hinweis auf die Reflexion personaler Bewältigungsmöglichkeiten infolge prozessbezogener Kontrolldeprivation. So führte die Beeinträchtigung der kognitiven Ressourcen in dieser Studie zum Ausbleiben der IGB-Reduktion. In Studie 3 fand sich ein indirekter Hinweis für die Salienzerhöhung individueller Selbstkategorisierung. In dieser Studie wurde die Salienz sozialer Selbstkategorisierung durch Intergruppenvergleich experimentell erhöht, so dass ein Ausbleiben der IGB-Reduktion als Indikator für die Voraussetzung einer salienten Individualisierung interpretiert werden konnte. Schließlich konnte in Studie 4 nachgewiesen worden, dass die IGB-Reduktion auf einer Distanzierung von der Eigengruppe beruht. In den Studien 2, 3 und 4 finden sich außerdem Hinweise für die Wirksamkeit der eingesetzten Kontrollmanipulation, die über die Erfassung der Kontrollwahrnehmung ermittelt wurde.

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Fankhänel, Thomas: Reduzierter Intergruppenbias nach individuellem Kontrollverlust. Folge einer Individualisierung?. 2009.

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