Schmelzbildungsstörungen an Zähnen der 2. Dentition : Prävalenz und Ursachenforschung

Willing, Nicole GND

Schmelzbildungsstörungen können von genetischer und systemischer Ursache sein sowie durch lokal einwirkende Faktoren bedingt werden. Diese Defekte zeigen sich in weißen oder gelbbraunen Flecken, die durch Veränderungen der Schmelztransluzenz hervorgerufen werden oder in hypoplastischen Zähnen. Eine histologische Studie der permanenten ersten Molaren weist auf unterschiedliche Einflüsse während des ersten Lebensjahres hin (Jalevik und Noren 2000). Ziel der vorliegenden Studie war die Erfassung der Prävalenz von Schmelzanomalien bei 6-12- Jährigen Kindern aus dem Stadtgebiet Jena (0,1-0,13 mg/l F- im TW) sowie die Identifizierung möglicher Ursachen. Von 945 Grundschulkindern wurden Schmelzbildungsstörungen im Rahmen der alljährlichen Schulzahnärztlichen Untersuchung an den ersten bleibenden Molaren und allen bleibenden Incisivi erfasst. Die Klassifizierung der Anomalien erfolgte anhand des modifizierten DDEIndex (Index of developmentel defects of dental enamel) (FDI 1992). Zur Beleuchtung diente eine weiße LED-Lampe. Die Zähne befanden sich im feuchten Zustand. Schmelzbildungsstörungen wurden bei 40,7% der Kinder festgestellt, 33,1% wiesen diese an mindestens zwei Zähnen gleichzeitig auf. Bei 29,6% lag an mindestens einem, bei 23,4% an mindestens zwei ersten bleibenden Molaren eine dieser Störungen vor. Abgegrenzte Opazitäten wurden bei 27,0%, diffuse Opazitäten bei 21,2% und Schmelzhypoplasien bei 2,4% aller Kinder diagnostiziert. An den Molaren fanden sich abgegrenzte Opazitäten bei 18,4%, diffuse Opazitäten bei 13,7% und Hypoplasien bei 1,2% der Kinder. Im Gegensatz zu den anderen Anomalieformen waren nur bei hypoplastischen Molaren vorwiegend mehr als 2/3 der Zahnkrone von der Störung betroffen (38,1%). Abgegrenzte Opazitäten sowie Hypoplasien kamen meist nur an einem Zahn vor (9,5% bzw. 1,3% aller Kinder), während diffuse Opazitäten häufiger an zwei Zähnen (6,1%) zu finden waren. Abgegrenzte Opazitäten wurden häufiger an zwei (5,9%), diffuse Opazitäten bevorzugt an vier (4,7%) und Hypoplasien meist an nur einem Molaren (0,8%) registriert. Weiterhin waren die abgegrenzte Opazitäten vorrangig an den ersten Molaren (9,9%), die diffuse Opazitäten häufiger an den mittleren oberen Incisivi (12,8%) und die Hypoplasien meist an den zweiten oberen Incisivi (1,1%) zu finden. Vergleichbare Studien aus Deutschland (Reiß 1999) und Nordeuropa (Jalevik et al. 2001a, Leppaniemi et al. 2001) zeigen bei der Prävalenz von Schmelzbildungsstörungen ähnliche Werte. Die einzige Ausnahme machen hierbei die diffusen Opazitäten, welche im Vergleich zu Schweden in Deutschland möglicherweise durch die Tablettenfluoridierung häufiger vorkommen (21,2% in Jena , 15,6% im Rhein-Neckar-Kreis (Reiß 1999), 7,5% in Schweden (Jalevik et al. 2001a)). Eine signifikant erhöhte Anfälligkeit gegenüber Karies wiesen Kinder mit abgegrenzten Opazitäten an den Molaren (DMF-T=0,93; p< 0,001) im Vergleich zu den Kindern ohne Anomalien auf (DMF-T=0,33). Studien aus Finnland und Polen bestätigen dieses Ergebnis (Wozniak 2000, Leppaniemi et al. 2001). Nach Auswertung des Elternfragebogens, der sich vorrangig auf das erste Lebensjahr des Kindes bezog, zeigten Kinder mit abgegrenzten Opazitäten häufiger Blasen- und Nierenbecken-Entzündungen (p=0,006), hereditäre Nierenerkrankungen (p=0,001) und Hypothyreose (p=0,021) im ersten Lebensjahr. Nur den Kindern dieser Anomaliegruppe wurde L-Thyroxin (p=0,003) verabreicht. So wie die verminderte Produktion von Schilddrüsenhormonen zu einer unregelmäßigen Ossifikation der Knochenkerne führen kann (Isselbacher 1995), fördert sie offenbar auch eine unregelmäßige Schmelzreifung. Kinder mit diffusen Opazitäten zeigten ebenfalls ein erhöhtes Auftreten von hereditären Nierenerkrankungen (p=0,004), häufiger Fälle von Scharlach (p=0,028) sowie eine vermehrte Einnahme von Schmerz und Fieber senkenden Mitteln (p=0,046 bzw. 0,013). Auch andere Autoren konnten bereits eine starke Korrelation zwischen Schmelzbildungsstörungen und Blasen- und Nierenerkrankungen feststellen (Wolff et al. 1985, Tapias et al. 2001). Eine Schädigung der für den Mineralisationshaushalt wichtigen Organe wie Niere und Darm kann zu einer unzureichenden Aufnahme von Kalziumphosphat in den Zahnkeim führen (van Amerongen und Kreulen 1995). Kindern mit Hypoplasien waren 16-mal häufiger von epileptischen Anfällen betroffen (p=0,021). Vermehrte Beckenlagen (p=0,024) sowie Forcepsgeburten (p=0,043) wurden bei Kindern mit abgegrenzten Opazitäten beobachtet. Epilepsie und Forcepsgeburten werden in der Literatur mit einem Sauerstoffmangel während der Geburt in Verbindung gebracht (Siemes und Bourgeois 2001, Hopp et al. 2004), welcher eine negative Auswirkung auf die Aktivität der Ameloblasten haben kann (Via und Churchill 1959, Rosenzweig 1962, Wetzel 1985). Eine Einnahme von Fluoridtabletten über das 3. Lebensjahr hinaus fördert signifikant die Ausbildung von diffusen Schmelzflecken (p=0,005), jedoch steht diese verlängerte Fluoridsupplementierung auch signifikant mit einer verringerten Kariesaktivität in Verbindung (p<0,001). Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Ursachen der Anomalieformen in unterschiedlichen Einflussfaktoren zu finden sind. Kinder mit den genannten Risikofaktoren in ihrer Anamnese sollten eine besonders intensive zahnärztliche sowie präventive Aufmerksamkeit erhalten.

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Willing, Nicole: Schmelzbildungsstörungen an Zähnen der 2. Dentition. Prävalenz und Ursachenforschung. 2006.

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